ZEITSCHRIFT

des

Vereins für Volkskunde.

Neue Folge der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft^ begründet von M. Lazarus und H. Steinthal.

Im Auftrage des Vereins

herausgegeben

Karl Weinhold. <o'»iJ^

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Zehnter Jahrffane.

1900.

Mit drei Taiclii mal Abl>ikluii"eu im Text.

BERLIN. Verlag von A. Asher & Co.

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Inhalt.

Abhandlungen und grössere Mitteilungen.

Seite

Goethe und die deutsche Volkskunde. Von R. M. Meyer 1

Zur Geschichte der Bienenzucht in Deutschland. Von K. Müllenhoff 16

Briefe W. Miinnhardts an W. Schwartz und ein Brief von W, Schwartz an Mannhardt;

zwei Briefe K. Müllenhoffs an W. Schwartz 27

Bergische Hochzeitsgebräuche. Von 0. Schell 37. 162. 428

Von den Tieren nach Gossensasser Meinung. Von Marie Rehsener 48

Braunschweigische Segen. Von 0. Schütte 62

Ein Kunstlied im Volksmunde. Von R. Petsch 66

Zu H. Sachsens „Der plint Messner". Von A. L. Stiefel 71

Faschingsgebräuche in Prutz. Von F. P. Piger 80

Zur Volkskunde aus Anhalt. Von 0. Härtung 85

"Was können die Toten? Von M. Bartels 117

Pfingstquaas. Von A. Petzold 142

Von dem deutschen Grenzposten Lusern. Von J. Bacher 151. 306. 407

Münchener Stadtsagen und Sprüche. Von Helene Raff 181

Volkstümliche Zahlzeichen und Jahrzahlrätsel. Von J. Bolte 186

Aus schwedischem Volksglauben. Von B. Kahle 194

Hochzeitbrauch aus dem Wippthale. Von P. Passler 202

Zum Hochzeitcharivari. Von K. Weinhold 206

Volksanschauungen über Tiere und Pflanzen in Nordthüringen. Von R. Reichhardt 208

Schlesische Pfingstgebräuche. Von P. Drechsler 245

Tom Tit Tot. Zur vergleichenden Märchenkunde. Von G. Polivka 254. 325. 382. 438

Verschwindende Erntegebräuche. Von R. Mielke 272

Napoleons-Gebete und -Spottlieder. Von R. F. Kaindl 280

Bayerische Geschichten. Von Helene Raff 284

Eine heanzische Bauernhochzeit. Von J. R. Bunker 288. 365

Der Klausenbaum. Von M. Höfler 319

Hamlet in Iran. Von 0. L, Jiriczek 353

Aus dem Leben der Gossensasser. 1. Heiraten. Von Marie Rehsener 397

Zu den niedersächsischen Zauberpuppen. Von H. F. Feilberg 417

Die Opfer-Bärmutter als Stachelkugel. Von W. Hein . . 420

Braunschweiger Volksreime. Von 0. Schütte 426

Kleine Beiträge zur Sagengeschichte. Von A. Ilauffen 432

Kleine Mitteilungen.

Pranger- oder Reifstangen im Herzogtum Salzlturg. Von ^larie Eysn 90

Vom Walser Biinbaum. Von Anna Zillner 92

Salz- oder Bergweihe. Von M. Höfler 93

Erinnerungstafel an eine Sennerin. Von M. Höfler 93

jy Inhalt.

Seite

Zwei Tiroler Volkslieder. Von F. F. Kohl 94

Vom öffentlichen Baden in Nieder- Östen-cich. Von E. K. Blümml 97

Notizen über niederösterreichische Sonmvendfeuer. Von E. K. Blümml 97

Zu den niedersächsischen Zauberpuppen. Von K. Weinhold 99

Zu Siddlii-Kür. Von Th. Zachariae 100

Hexensalbe. Von E. Hoffmann-Krayer 102

Laura Weinhold f. Von K. Weinhold 102

Ein Brief W. Mannhardts an E. Kuhn 214

Ulrich Jahn f. Von K. Weinhold 216

St. Nothburga auf Ziegelplatten. Von M. Höfler 219

Deutung der Tierstimmon. Von 0. Schütte 221

Heilung der Pferdekolik. Braunschweigische Tauf- und Hochzeitsgebräuche. Von

demselben 223

Die Bräutigamsmagd. Von demselben 224

Zum niederösterreichischen Bienenrechte Von E. K. Blümml 225

Pferdeschädel wendet Unheil ab. Von E. Andre e 226

Ein oberbayrischer Palm. Von M. Höfler 227

Das Halmmessen. Von K. Weinhold 227

Dat geit mit'n Snellert. Von W. ßamsauer 228

Aberglaube aus ZöUmersdorf, N.-L 229

Ein Volkslied im Kindermunde. Von R. M. Meyer 325

Der Tod von Basel, Lied. Von M. Rehsener 326

Die Vintschgauer Prozession, Gedicht. Von J. Bacher 328

Braun^chweigische Dorfneckereien. Von 0. Schütte 330

Der Schlag mit der Lebensrute. Von C. Müller 332

Passionskoniödien in Böhmen. Von R. v. Strele 333

Silberne Votivgabeu der Cubaner. Von M. v. Wendheim 334

Mährische Marterln. Von J. Ziskal 335

Sonnwendfeuer in Tirol. Von K. Weinhold 335

Citronen, auf dem Altar. Von E. Lemke 336

Braunschweigische Sprechübungen. Hornsprache. Vernageln der Zahnschmerzen.

Von 0. Schütte 336—338

Wie die Wälschen fluchen. Von J. Bacher 338

Über den Hirse in Gebräuchen. Von K. Weinhold 339

Aus der Vergangenheit des Safranbaues. Von E. K. Blümml 340

Zur Frage der hannoverschen Wenden. Von R. Andree 439

Kinderspiele aus Nieder-Österreich. Von E. K. Blümml 440

Vom Hochzeitbitter im Egerlande. Von J. Köhler 443

Schmackostern, Kleiderfortnahme und Thorverlegung. Von A. T reich el 444

Was das Schatzkä.stlein einer oberbayrischen Bäuerin enthält. Von M. Höfler . . 448

Vernageln der Zahnschmerzen. Von G. Minden 449

Nachtrag zu den Napoleons-Gebeten. Von J. Jacöbiec . 449

Fr. S. Krauss über die Gesellschaft f. Schweizer. Volkskunde. Von E. Hoffmann- Krayer 450

Die Ausstellung für deutschböhmische Hausindustrie in Bodenbach. Von A. Hauff en 450

Bücheranzeigen.

Archiv für Religionswissenschaft, herausg. V. Achclis. Bd. IL III. 1. 2, 103. 348

Sächsische Volkskunde, herausg. von R. Wuttke 103

Mecklenburgische Volksüberlieferungen, von R. Wossidlo. II 104

E. Lemke, Volkstümliches in Ostpreussen. III 105

Sagen, Gebräuche, Sprichwörter des Allgäus, von Reiser, 14. 15. 16 106

P. St'billot, La Bretagne enchantee 106

Cr. Grisanti, Usi, credcnze e racconti di Isnello 106

Inhalt. V

Seite

M. Pitre, Le Feste di S. Rosalia e della Assunta 107

Danske Folkeviser i Udvalg ved A. Olrik 108

Echte Tiroler -Lieder, von F. F. Kohl 109

K. Gnsinde, Neidhard mit dem Veilchen HO

Paromiai tu hellcniku lau, hypo Politu. l HO

J. Schiepok, Satzbau der Egerländer Mundart. 1 111

F. Justi, Hessisches Trachteubuch. 1 111

Troels-Lund, Himmelsbild und Weltanschauung 112

Fr. Beyschlag, Volkskunde und Gymnasialunterricht 231

C. Schumann, Volks- und Kinderreime aus Lübeck 233

H. Lerond, Lothringische Sammelmappe 233

F. X. Kiessling, Brünnlein von Drosendorf 233

Chr. V. Christensen, Baarepr^ven 234

F. Starr, Catalogue of a Collectiou illustrating the Folklore of Mexico 237

R. Temesväry, Volksbräuche in der Geburtshülfe in Ungarn 239

Übersicht über slavische Zeitschriften für Volkskunde 341

Unser Egerland, Zeitschrift, herausg. von A. John. III 349

W. W. Skeat, Malay Magic " 350

R, Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen 350

0. Weise, Die deutschen Volksstämme und Landschaften 351

E. Lechner, Das Oberengadin 351

A. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, herausg. von E. H. Meyer 452

E. H. Meyer, Badisches Volksleben 452

W. H. Röscher, Ephialtes. Alpträume und Alpdämonen 453

F. Kunze, Der Birkenbesen ein Symbol Donars 454

A. Renk, Der Tod in den Alpen 454

V. Jan, Erzählungen aus dem Wasgau 455

Lusern in Südtirol 455

Aus der Vergangenheit und Gegenwart des Marktes Agnetheln 456

Volksschauspiele ans dem Böhmerwalde. III 456

R. Lange, Japanische Kinderlieder 457

K. Eulin g, Studien über H. Kaufringer 458

J. Jühling, Die Tiere in der Volksmedizin 458

Den Danske Hojskole. Et Tidskrift 460

Aus den Sitzungs-Protokolleu des Vereins für Volkskunde. Von M. Roediger

und G. Minden 114. 241. 352. 460

Die Mitarbeiter der ersten zehn Bände der Zeitschrift des Vereins für Volks- kunde 462

Register 467

Goethe und die deutsche Volkskunde.

Von Dr. K. M. 3Ieyer.

Vortrag, gelialteii im Berliner Verein für Volkskuudo am 27. Oktober ISW.

In eiiK'in Aiifisatz über „Die Aiitango der (leutsclieii YMlkskuiide" (Zeitschrift für Kiilturgescliichte, 1895, S. 135 f.) liabe ieli midi (S. 1(11) über Goethes Stelliiiii;- zu dieser ^^'issellschaft deim dafür halte ich die Volkskunde trotz Kossinua (Ztschr. d. Ter. f. Volkskunde, 1896, S. 188) im allgemeinen ausgesprochen. Ich hob hervor, dass die Plugschrift „Von deutscher Art und Kunst" die Xamen der drei Erwecker und Befreier vereint, denen das mnie Interesse am deutschen Volksleben seine Xeu- beleliung verdankt: Justus Moser, Herder und Goethe. Ich fuhr fort: „Goethe zwar hat direkt nur wenig für Folklore gewirkt, wenn er auch Volkslieder sammelte und noch im Alter das Leben der Spinner in der Schweiz mit Anteil l)eschrieb. Aber indem er allem geistigen Leben Deutschlands einen neuen Gehalt gab, hob er die ganze Pflege deutschen Volkstums auf eine höhere Stufe. Der „Götz" und die Hans Sachs-Gedichte haben dadurch der Romantik vorgearbeitet, die nun Mosers Hinweise auf das Volksleben und Herders Aufrufe für das Volkslied aufnahm." Aber wenn diese Sätze auch vielleicht die Stelle, die Goethe in der Entwickelung einer Wissenschaft vom deutschen Volkstum einnimmt, nicht unzutreffend liczeichnen, werden sie doch der Stelle nicht gerecht, die diese Interessen in seiner eigenen Entwickelung einnehmen. Diese soll im f(dgendeu ihren Hauptzügtn nach geprüft werden.

Goethe wuchs unter Verhältnissen auf, die sein Auge für die Eigen- heiten des Volkslebens und der Volksart schärfen mussten. Die Reichs- stadt fühlte sich als etwas Besomleres und hielt besonders streng auf alle Bräuche; der wichtigste von allen, eine Kaiserkrönung, fiel in seine Jugend. Die Familien Tt^xtor und Goethe waren im sozialen Rang geschieden: jene gehörte (wie neuerdings Ilcuei' in der Festschrift des Freien Deutschen Hochstifts betont hat) dem städtischen Patriziat, diese nur den „guten Familien" an: ein Grund mehr, das Geremoniell soriilichst zu beobachten. Der Knabe schweift umher und beobachtet das 3Iarkt- und Strassenleben. wird auf die Eigenart der KatliolikiMi aufmerksam, kimimt ins .Tudenvicrt(d.

Zcitsclir. (1. Vereins f. Volkskiiinl.- lyuo. L

■_( " Meyer:

Der Vater schickt ilm -crn in AVork statten. Die Lektüre bringt nunu-lierlei lierau, was dies Interesse nähren und befriedigen kann.

Dennoch werden wir schwerlich annehmen dürfen, dass das Kind wirklich dies alles so beobachtet habe, wie der Leser der ersten Bücher von Dichtung nnd Wahrheit etwa meinen könnte. Unvermerkt senkt sieh Bild an Bild in die aufmerkende Seele, die es mit solcher Treue bewahrt, dass geringe Nachhilfe dem Sechszigjährigen das anschaulichste Bild städti- schen Lebens und Treibens möglich macht. Sein bewusstes Aufmerken aber muss früh auf die typischen Züge im Gegensatz zu den individuellen gegangen seiu. Denn als er später für die Zeichnung des Bürgertums im „Faust" unzweifelhaft Frankfurter Züge mitverwandte, da drängte sich nirgends ein sjtecifisches Moment in dies allgemein charakterisierende Ge- mälde. Um ein l)eliebiges Gegenstück zu wählen: Goethes Leipziger Gedicht .,Kinderverstand" geht ebenfalls a'uf typische Charakteristik aus: dennoch drängt sich ein ganz individueller Zug herein:

Oft stossen schäckernd Bräute

Don Bräutgam in die Seite (Der junge Goethe 1, 102).

Offenbar hat der Leipziger Student diesen Einzelzug einmal bei einem Bauernfest beobachtet und er hat sich ihm so eingeprägt, dass er ihn wiedei'holt verwandt hat, auch gerade im Faust: Er drückte hastig sich heran, Du stiess er an ein Madchen an Mit seinem Ellenbogen (Faust Y. 957 ff.).

Die cyklopischen Freundlichkeiten und die zu weiterer Vertraulichkeit aufmunternden Ungeschickli(dikeiten der Bauernjugend bringt er in sein typisierendes Gemälde herein; abei- nichts, was in der Schilderung des Bürgers auf specielle Erfahrung und Beobachtung deutete. Alles bleibt hier typisch: der Frankfurter hat uur den deutscheu Bürger geschildert. Das Glei(die gilt, wie wir noch sehen werden, für „Herrmanu und Dorothea". Auch ist es natürlich genug. Der Bauer war dem Städter merkwürdig- gerade in seinen Eigenheiten; in dem Element, in dem erlebt, studiert er zunächst das Allgemeine.

Strassburg, hat Varrentrapji kürzlich auf dem Strassburger Mistorikertag ausgerufen, öffnet dem jungen Goethe die Augen für die (beschichte. Zwai' ist das vielleicht zu vi(d gesagt. . Denn trotz allem, was Ottokar Florenz und andere behaupten, möchte ich doch glauben, zu dfM' (ieschichte im eigentlichen Sinne habe G. nie ein rechtes Verhältnis gewonnen. Nicht bloss die Kirchengeschichte war ihm „Mischmasch von Unsinn und (Jewalt": im Grunde ist er zeitlebens zu sehr Schüler Voltaires gebrudjen. um in der Widtgeschichte überhaupt viel anderes zu sehen. Jene unendli(die Freude an allem Lobendigen, die ihn Iteseelte, wo er die „Natur" beschaute, versagte gar zu leicht, wenn er in die „Geschichte'^ bliikte. So eifi-i<j- er sieli :iueh mit der Gesrhichre der Künste, der Wissen-

<juetlic und die tlciitsclie Volkskuiidc. ;^

scliaften. (lei- Littcratur Itescliäftigt hat die Goscliielito drs Volkes, licisse i<i»' politische Geschichte oder Kulturg'eschichte, bliel» ihm iiiiliehaulich. <leni sali er die ]\lasse d<T Einzelfälle hier durch gewisse allj^'enieine Foriiielii erledigt wie tluui Alba und Egiiiont in dem grossen Zwie- gespräch die Frage nach dem historischen Kecht der Niederländer al»I : mdiel) war ihm die Verdrängung künstlerisch wirkench'r Geschiclitsh'ucn(h'n durch neuere Forschung: am störendsten aber eni])fand er es, wenn ihm die AA'eltgeschichte auf den Hals ruckte. Er mochte wohl bei der Kampagne in Frankreich mit einem gewissen Behagen erklären: von hier und heut

beginnt eine neue Epoche, und ihr kchint sagen, ihr seid dabei gewesen

aber Napoleon fasste er fast eigensinnig nur als Person auf, als Typus, als Wunder, aber niemals als Erfüllung eines grossen historischen Moments, wie Wieland etwa ihn nahm. Und eben deshalb, um dies gleich auszusprechen, ist •Goethe in ein lebendigesVerhältnis zur heimischen Volkskunde nie gekommen. Denu Sitten und Gebräuche sind zum Teil zwar klimatisch und ethnologisch bedingt, andernteils doch aber auch ein Niederschlag historischer Verhält- nisse. Und weil diese ihn nicht genügend interessierten, konnten die deutschen Lebensformen ihn nicht so reizen, wie die etwa der Sicilianer. in denen urewige typische Verhältnisse rein bewahrt schienen.

Das al)er ist richtig, dass Strassburg den jungen Goethe so nahe an die Freude an Geschichte und (ieschichtlichem heranbrachte, wie er irgend kommen konnte. Er wird der Schüler Herders des Mannes Schüler, für den der Begriff „Volksindividualität" zum erstenmale lebendige Wahrheit wurde. Er durchstreift das Elsass nach allen Seiten, steckt sicli in ländliches Kostüm und durchlebt einen idyllischen Pvoman. an <lem gerade eben das als volkstümlich Empfundene eine bewusst den Genuss steigernde Würze Bildet. Goldsmith war nicht nötig, um den Schüler Herders auf die Eigenart des Lebens eines Landpfarrers, auf die kleidsame Tracht seiner Töchter, auf den Bauriss seines Hauses aufmerksam zu machen. Zu beachten ist aber auch, dass es doch eben ein Pfarrhaus war, in das der Student eintrat ein Haus, in dem die ländliche Atmo- sphäre sich mit etwas Stubenluft, Bildung, Verständnis für Poesie u. dgl. mischte. Es ist neuerdings etwas emphatisch auf „Goethe in freier Luft" hingewiesen worden. Aber in allen Lie])esgeschichten Goethes spielen Zimmer und allenfalls Garten eine viel grössere Kolle als der weite Spazier- gang, der Wald, die Wasserfahrt. Die Marienbader Allee ist fast der weiteste Eaum. auf dem wir Goethe wie spät! mit einer Geliebten zusamniensehen. Der engere Raum gehört zu dem J^ilde: der Salon und der Park zu Lili, die Kinderstube und der Ballsaal zu Lotte; nicht anders in den „Komischen Elegien" oder dem „Tagebuch". Entfernen sich die Geliebten aus diesem ]{ahmen. so geschieht es nicht ohne Gefahr: wie Friederikens Besuch in der Stadt hat das Ausreiten mit Lili ihr Verhältnis erschüttert. Mariannen sah er am lieb.sten in der Gerbermühle und heftig

luu »*r sich zuletzt gegen das Wiedersehen alter Freunde erklärt, das iinuier eine Enttäuschung sei: er hielt auch hier an der Legende fest, wollt.' die Person nicht von dem einmal gegebenen Hintergrund losgelöst

wissen.

AVas bedeutet das für unsere Frage? Etwas Entscheidendes: dass für (u.ethe das volkstümliche Interesse nur ein Einzelfall des künstlerischen ist. Nicht das Kostüm als solches interessiert ihn „Kostüm" im weitesten Siiiiic genommen , sondern das anmutige Bild, das da entsteht, wo ein Tvpns organisch aus seinen Vorbedingungen herauswächst. Das heisst also: wir dürfnii auch zu der Zeit, wo das „Deutschtum emergierend"' oder das Volksrum lu-rvdrtn'tend erscheint, dies Element nicht überschätzen. Dass das Landmädchen von Sesenheim ihn erolierte, war sicher durch die ganze Iloussean-Herder-Stimmung vorbereitet. Aber im ganzen bedeutet doch das Pfarrerstöchterchen mit ihrer Natürlichkeit nichts anderes als die lianquierstochter mir ilu'er Eleganz oder Frau v. Stein mit ihrer Ver- körperung vornehmer Lebensw^eisheit die zuletzt freilich doch Schiff- bruch erleiden sollte. Das Volkstümliche an der Idylle von Sesenheim ist doch eben nur eine künstlerische Nuance neben anderen.

Zu eben der Zeit, da Goethe dem deutschen Volkstum so eifrig huhligte, (hl ihm das Münster zum Symbol der allein berechtigten charakteristischen Kunst ward, da er mit Herder und Moser den grossen Sammelruf für deutsche Art und Kunst ergehen liess zu eben dieser Zeit schreibt doch der Kecensent in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen (Neudruck '2, 541 f.): „Das Kostüm ist für uns(H- Gefühl eine sehr geringe Sache. . . . Ist des Künstlers Imagination so wahr, eine Geschichtssituation als Mensch zu fühlen, wird er sie fühlen, als wärs in seiner Gegenwart, in seiner Heimat geschehen: und die unbedeutende oder vielbedeutende (wie nmns nimmt) Nebensachen werden in seiner Seele all inländisch sein." Also in dieser Periode selbst bestreitet er den selbständigen AVort des Kostüms. Wen die Volkskunde als solche interessiert, der wird ihre Ergebnisse nicht so wuhlgemut opfern; im Gegenteil, er wird die archäologischen oder ethno- loii'ischen Details leicht überschätzen. Nicht so Goethe. Er urteilt hier s(dion wie fünfzig Jahre später, als er ^[anzonis „Carmagnola" besprach: „Für den Dichter ist keine Person historisch." Das nui' Einmal Gegel)5ne hat sich dem Typischen, das Historisehe dem Ideellen unterzuordnen.

Und also, um es vollemls auszusprechen: selbst in dieser Zeit, da Goethe dem Volkskiindliclien am nächsten steht, handelt es sich für ihn nur darum, das „Volk" als solches zu studieren, das Volk als Ganzes, als« sociale Klasse ~ mehr noch, als mitürlichen Organismus. Schon hier herrscht 'lie Auffassung, die vor allem He hu in seinen berühmten Aufsätzen über „Naturformen des Menschenlebens" (Gedanken über Goethe S. l'-'l f.) und „Stand.'" (elMMi.la S. -J^llf.) klargeh-t, die rv (S. 225) .lurch Vergleich mit Siliiller .•iludlf hilf. j);is Volk und das Volksleb.Mi int Elsass wird

Goethe und die dcuts;flie Volkskunde. 5

zum Typus für Volk und Volkslr-licu ü]t('rliau|»t, Avic dns Städtertuni Frank- furts alles städtische Wesen hatte vertreten müssen. Zo[)f und Mieder. Band und Hut sind nur Symbole: ilire Farbe, ihre Form Averden <;arniclir erwähnt oder doch nur so weit, als es die Anschaulichkeit dringend fordert.

Das (bleiche zeigt sich deutlich auch an Goethes vielfach überschätztem damaligen „wisseiischaftlichen Intei-esse am Volkstum". Die i^^phemeriden bringen freilich mancherlei. Fr schreibt eine Baselische Jieformations- ordnnng aus (I)euts(die Ijitt.-Deidcm. 14, 'i-t); aber er hätte nicht daran gedacht, sie wie (}. Keller im „Landvogt von Greifensee" zu nutzen. Kr notiert (S. 25) die Enthauptung Erchangers nnd Bertholds und knüpft eine kühle juristisch-historische Bemerkung an; es lag ihm fern, solch einen Zug (wie Scheffel im „Ekkehart"-) zur Yeranschaulichung des Zeitkolorits einer frühen Epoche zu verwenden. Er verzeichnet (S. "iG 27) auffallende Dialektworte: „Spännungen", „Ringerung", „Gaffeln" u. a. ; als er im Alter vielfach den Strassburger Interessen nahe rückte (ich erinnere nur daran, wie Boisserees Eifer für den Kidner Dom die Krinucrung an das 3Iünster zündete), schrieb er ebenso auf: „Mannräuschlein nannte man im 17. Jahrb. gar ausdrucksvoll die Geliebte". „Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf Hiddensee" (Sprüche in Prosa 155 15(1. Jlempel 19, 44). Aber er kommt auch hier nicht über die Freude an dem einzelnen hübschen Ausdruck heraus. An (dne systematische Sammlung,' dachte er zur Zeit der „Ephemeriden" so wenig wie zur Zeit der „Sprüche in Prosa". Und doch war er über die Zeit hinaus, da er „überall herum- spazierte, überall nur dreinguckte'' (an Herder J. G. 1, 308). Seine ana- tomischen wie seine juristischen Studien griff er ernstlich an und an Lavaters Physiognomik t]-at er mit vertieftem und vertiefendem Interesse heran. Bei der „Volkskunde" blieb es beim „Dreingucken".

Am deutlichsten wird dies und auch dei- von uns hervorgehobene Grund sichtbar in Goethes Bemühungen um das deutsche Volkslied. Wohl hat er „aus den Kehlen der ältesten Mütterchen" Lieder aufgehascht, hat sie (wie AValdberg Goethe und das Volkslied S. 1) rühmt) sorgfältig mit allen mundartlichen Eigentümlichkeiten der Überlieferung aufgezeichnet recht im Gegensatz zu der s])äteren seltsam den Dialekt stilisierenden Laut- lind Formgebung des „Schweizerliedes" von 1811. Aber geraile ^^alllberg hat vortrefflich ausgeführt, wie zum ersten hier nur (du Zu- geständnis an den ganzen „Sturm und Drang" und seinen Kampf gegen das Regulbuch vorliegt, ganz wie bei Herder und Bürger, den Propheten jener Bewegung (S. df.); und wie zum zweiten Goethe in konsequenter Ihit- wick(dnng (S. 11) dnliin gelaunt, das Yolkslieil eben nur als eine eigene Art der Jjyrik neben anderen aufzufassen, keineswegs abei", wie die Ro- mantiker (S. 17) als eine von allen anderen grundverschiedene Gattung. ,,Uberhaupt decken si(di bei Goethe fast alle Forderungen an den Dichter mit <lenen an das sogenannte Volkslied" (S. 20). Eben deshalb ist „(ioethen

Ici- Begriff des Volksliedes viel klarer geworden als Herder" (S. 11). Eben deshalb lag ihm aber auch nichts an dem deutschen Volkslied, soweit es ihm nichr typische Geltmig gewann. Mit typischer Geltung hat er wiederholt Vidkslieder verwertet und umgearbeitet (S. '24 f.), und etwa das „Haideröslein" zum individuellen Ausdruck einer typischen Stimmung benutzt. Aber das ein/eine Lied als solches interessierte ihn so wenig, dass das „M'underhorn" mit seinem Reichtum ilm fast unvorbereitet fand: überrascht stellt er sich der neuen Forschungs- und Sammlungsprovinz gegenüber und rüstet sich mit Schema, Katalogisierung, genereller Charak- teristik, gerade als hal)e er in (bis Gebiet der Münzkunde oder der Stöchiometrie neu einzuzieheul

Auch das ist zu beachten. In Venedig lässt er sich den „famosen Gesang" der Schiffer vortragen, in Rom macht er sich „Notizen und Aus- züge ülier Ritornelle und Romanzen", er zeichnet die Melodie eines neapolitanischen Volksliedes auf (AValdberg S. 9). All das stellt er in den allgemeinen Zusammenhang, vergegenwärtigt uns den Gesang über den Wassern der Kanäle, hält Ton und Text bei dem „Zauberlied" für unzer- tn.'milicli. Nicht so bei den deutschen Volksliedern. Er schreibt sie liintereinantler auf, kein Wort dabei von Wo und Wann, keine Silbe über die alten .Mütterchen selbst. Dies ist ihm Kuriosität ~ das italienische Volkslied ist ihm ein Stück Volksleben. Das bleibt der durchgängige Intcrschied.

Nur als Mittel, beim Herzen des Volks anzufragen, benutzt er das Volkslied. Gretchen muss freilich eine Ballade in volkstümlichem Stil singen, wie die Soldaten des Osterspaziergangs auch. Aber eben nur tv])isierende Bedeutung wird diesen Zügen verstattet. Nicht anders im ..Götz". Das breite mittelalterliche Leben wird als historische Einheit gefasst: Lokalkolorit ist nirgends erstrebt. W^ir sehen die malerischen (iassen von Heilbroini so wenig als die Ausstattung iler Burg Jaxthausen. l'^ine „Bauernhochzeit^'- wird vorgeführt nichts verlockt den Dichter zu ausmalenden Zügen, wie sie Cervantes" Hochzeit des Camacho oder ihre Nachalimung in Immermanns „Oberliof" bringt. Ln „W^erther" werden ge- wisse volkstümliche Züge benutzt: der Aberglaube etwa, dass ein unerlaubter Knss einen Schnurrbart auf der Lippe des Mädchens entstehen lasse; aber il;is dient der Tendenz des Ganzen und in dieser hält sich Goethe völlig in drm idealisierenden- Ton Rousseans über Landleben und Landleute, wie Erich Schmidt (Richardson Rousseau nnd Goethe S. 193f.) gezeigt hat. Man wird ja nic.-ht gerade den Realismns von Zolas Bauernstück „La terre" erwarten; aber wie viel „sachenvoller" (um mit Herder zu reden) führen Asmus Clandins odei- gar Pestalozzi das Leben der Landleute vor! Und d'i(di, wir wiederlnden es; hier ist G. auf dem Höhepunkt seines volks- knndüchen Interesses. Heisst es im „Götz'' ganz sachlich „Musik und Tanz di-aussen", so wird bei dem Armbrustschiessen im „Egniont" nicht

(Jüt^tlie und die deutsche Volkskunde. 7

<'iiiiiiiil (las l>ost goiiiiniit. Uiul iiacli dfii Itridcii Scliwei/erreiseii ^illll in ...lerv iiinl l^)äte]y'' dooli nur „edlo Gestalten in Bauernkleider gesti-ckt"; t'S sind niolit Landleute, sondern „Akteurs, die Rrhwcizcvkloider anlialuMi und A'ou Käs uud Milch spreidien".

\']s bleibt so. Das Volk interessiert Goethe aufs iiiniiistc: mit den herz- lichsten Worten spricht er vou der niedersten Klasse, die doch wohl vor Gott die höchste sei; die Strumpfweber von Apolda vergällen dem König von Tauris seine hohen Worte. Aber ihr Kostüm, ihre Sitten und Ge- liräuche, ihre Reden und T^iefler bU'iben dem "leichgültig. dem die uo'inuste Abweichung der Form an einem Kneclien oder einem ßhitt hddiaf'tes, leidens(diaftliches Interesse abzwang.

Und nun kommt er nach Italien. Und wie i)ackt ihn da das Volks- leben! Wie wird er nicht müde, folkloristische Einzelheiten zu gelx'u! I^]r erzählt vou den kleinen Huronen, die auf der Gasse hocken, und von den Sitzungen der Akademie; er beschreibt eine Gerichtsverhandlung und die homerischen Zustände Siciliens. So lebhaft ergreift ihn dies Interesse, dass es nachwirkt auch auf ausseritalienische Zustände, dass er Kleinig- keiten wie das französische Weissbrot auf der Kampagne in l-'raukreich anmerkt oder durch die Schilderung des Karnevals sich noch spät zur Beschreibung von kölnischem Mummenschanz (»iler zu dem prächtigen IJild des Rochusfestes (1816) anregen lässt. Und gleich (h-ingt dies volkskund- liche Interesse auch in seine Poesie. V. Hehn stellt (a. a. 0. S. l'.lSf.) die italienischen Schilderungen den deutschen völlig gleich. Freilich, ancli „der Schauplatz, auf dem wir uns in , Alexis und Dora' befimlen. ist ein ideal unbestimmter". Aber der Dichter, der in „Herrmann und Dorotliea" den Birnbaum nur eben mit Epithetis ausstattet, kann der Versuclniiig nicht widersttdien, die hesperischen Früchte zu beschreiben:

Schweigend begannest du nun geschickt die Früchte zu ordnen: Erst die Orange, die schwer ruht als ein goldener Ball, Dann die weichliche Feige, die jeder Druck schon entstellet.

Die zweite Epistel fügt freilich in die Schilderung iles ty[)isclien deutschen Hausstandes einige individuellere Züge, wie die weissen, lanuhiu leuchtenden Röcke der Mädchen; aber wie viel eingeluMidei- sind die Kostümstücke in den Römischen i^^legien:

Bist du ohne Bedacht nicht oft bei Mondschein f^ekomnion, Grau, im dunkeln Surtoiit, hinten gerundet das Haar?

und: Falconieri hat mir oft in die Augen gegafft.

Und ein Kuppler Albanis nuch mit gewichtigen Zetteln

Bald nach Ostia, bald nach den viei- Brunnen gelockt.

.Aber wer nicht kam, war das Mädchen. So hab ich von Herzen

Rotstrumpf immer gehasst uud Violctstrum))f dazu.

Bei italienischer Scene wird alles ausgemalt, vom Hut bis zum Strumpf <lie l'igur, uiul die Frmdit im Korb; bei deutscher Bühne bewirkt höchstens

«^ Meyer:

iW'V uiiiiüttelbare EinHuss der benachbarten südlichen Stücke Einzelheiten älinliclicr Art. Goethe hat sich selbst darüber in der köstlichen Recension über „Don ("iccio" (Henipel 29. Gl 2 f.) ausgesprochen. In Italien lebe alles öffentlich. „üer liettler wie der Marchese. der Mönch wie der Kardinal, der Vcrturin wie der Krämer alle treiben ihr Wesen vor den

aufmerkenden Augen einer immerfort urteilenden Menge Jenes

ött'entliche Leben der Italiener, welches a'ou allen Reisenden gekannt, von allen Reisebeschreibern bemerkt ist. bringt ein heiteres und glänzendes AVesen in ihre Litteratur" (a. a. 0. S. 615). Er eignet sich dies „Auf- ])assen der Italiener" an. beobachter wie sie jede individuelle Abweichung auf der Grundlage des Volkslebens: aber in „den Norden, den form- und gestaltlosen, heimgekehrt'', giebt er es bald wieder auf.

Nichts ist dafür l^ezeichnender, als das Gedicht, das man dagegen an- fülu-en möchte. „Herrmann und Dorothea" erscheint uns wegen seines Ueichtums an ty])ischen Zügen als ein erschöpfendes Bild kleinstädtischen deutschen Lebens; und es ist das auch wirklich, wenn wir, wie billig, auf die grossen dauernden Züge sehen. Machen wir aber einmal das Experiment und fragen uns: was würde ein Forscher künftiger Tage aus diesem Meisterwerk über die Eigenart deutschen Volkstums nach seiner äusseren Seite, über deutsche Sitte imd Art leinen können so werden wir er- staunt sein, wie gering das JMaterial ist, das er über „deutsche Altertümer in .Herrmann und Dorothea'" fände. Jeder ältere deutsche Roman bringt hierin mehr, selbst wenn er nicht wie „Sophiens Reise nach Memel" von Hermes absichtlich auf das Anbringen anekdotischer Einzelzüge ausgellt; und jeder spätere uun gar! Aus einem Roman Gottfried Kellers lässt sich ein farbenreiches Bild lokaler Gebräuche entwerfen: gerade die Karben aber fehlen in der klaren, klassischen Zeichnung von Goethes Epos. Es ist charakteristisch, dass er Farbenangaben beim Kostüm nur in den Perioden nächster Nähe zur Volkskunde macht. Wir kennen alle Werthers gelbe Beinkleider, und den grauen Rock der „Römischen Elegien" hab icli eben erwähnt. In „Herrmann und Dorothea" erhalten wir nur einmal, bei der Schilderung von Dorotheas Kostüm ausführliche Farbenangaben zur Kleidung. Diese scheinen sonst mit Bewusstseiu vermieden: sie könnten den typischen Charakter stören. Gerade hier zeigt sich der Gegensatz zu \'(tssens „Luise", deren oft kleinliche Detailangaben für Goethe, so sehr er sonst das Idyll lobte, an die „Musen und Grazien in der Mark" er- innern mochten. Wie weit steht von <ler farblos reinen Zeichnung in dem Itürgerlichen l-^pos Goethes etwa folgende Stelle aus der „Luise" (J. H. Voss. Sämtliche poetische Werke. Leipzig IS.').'). Bd. 2. S. 44 f.) ab: .Mama und die freundliche Tochter

brachten die feineren Teller von Tlion, und spanische Erdbcern Auf cirönnigcr Schüssel, auch sahnige Milch in gestülpter Por/ell;inonor Kumme, sef^ormt wie ein purpurner Kohlkopf:

Gooili'^ 1111(1 die (U'iitscliL' Yolk^kiindc c)

Wi'lchc mit wäniiciKlcni Punsch und Biscliof füllte der ^'atc'^. M'iinii ein Freund ihn besucht in sausenden Tagen des Winters: Brachten mit Eppich umlogt die BachUrebs" ähnlich den Humnicin. Und zwecn kalte gebratene Kapaun' umhüllt vor den Fliegen: I^rachtcn sodann für Walter und Karl vielrautige WalTeln, Hochgehäuft, Kunstwerke der preislichen Köchin Susanna; Auch die duftende Fruclit der grUngcstreiften Melone: Butter in blauem Gefäss. goldfarbige: über dem Deckel Ruht ein kauendes Rind als Handgriff; lieblichen Schafkäs' Und holländischen Käs' und einen gewaltigen Retti«): Für den Papa; auch Kirschen von vielfach würziger Gattung, Stachelbeeren, wie Pflaumen an Wuchs, und geschwollne Johannsbeein.

Voss mag übertreiben, und er verletzt wolil die Gesetze der epischen Gattung-, aber die Freude an der volkstüniliclien Lebenshaltung-, an allem, was zur Notdurft und Freude des Volkes gehört, klingt herzgewinnend aus der Überfülle seiner I'^inzelzügo. Dass Goethe der grössere Meister ist, wird heut kein Gleini mehr bezweifeln; aber bei einem Gemälde italieni- schen Lebens wäre es ihm nicht so leicht geworden, sich streng an die klassischen Linien und die Monochromie der Antike zu halten.

„Herrmann und Dorotliea" bringen folgende Materialien zur Volks- kunde, die ich mit barbarischer Konsequenz schematisiert vorführe (ich gebe die Überschriften nach der Folge der Kapitel in E. H. Meyers „Deutscher Volkskunde") :

1. Dorf und Flur: allgemeine Schilderung von Garten und Landstrasse. Der Birnbaum. „Der neue Chausseebau, der uns mit der grossen Strasse verbindet."

"2. Das Haus. Ein altmodisches, das des Apothekers, und ein neues, ilas grüne des reichen Kaufmanns, werden ausführlich b(>schrieben und verglichen:

Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie prächtig in grünen

Feldern die Stuckatur der weissen Schnörkel sich ausnimmt I

Gross sind die Tafeln der Fenster; wie glänzen und spiegeln die Scheiben.

Dass verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes!

Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten.

Die Apotheke zum Engel, sowie der goldene Löwe.

So war mein Gai'ten auch in der ganzen Gegend berühmt, und

Jeder Reisende stand und sah durch die roten Slackcten

Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen.

Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte.

Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht,

Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes

Schöngeordneter Muscheln, und mit geblendetem Auge

Schaute der Konner selbst den Bleiglanz und die Korallen.

Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert,

Wo die geputzten Herin und Damen im Garten spazieren

Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten.

lias Dachstübcheii des Sohnes mit den weithin sichtbaren Fenster- scheiben.

Zubehör <h'S Wirtshauses:

wie herrbch hegen die schönen Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Garten, Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter! Aussehen der Stadt im allgemeinen (unter Vergleich mit Strassburg un.l Frankfurt und „dem freundlichen Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist" unser Geschmack ist die Stadt mit den windfangenden schematisch geordneten Hänserquadraten wohl nicht mehr): Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Thore Und den geweisstcn Turm und die wohlerneuerte Kirche'? Rühmt nicht Jeder das Pflaster, die wasserreichen, verdeckten Wohlvertcilten Kanäle Höl/.crne Bänke unter dem Thorweg. Das Wirtshaus und das Haus <les ersten Kaufniaims stehen am Markt. ;>. Körperbeschaffenheit und Tracht.

Wir erfahren von Dorotheens stattlicher Erscheinung. AVir hören mehrmals von Schlafrock und alter Leinwand und der geänderten Mode: Ungern vermiss' ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder. Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen, Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze.

\\\o der Kontrast der Häuser des altmodischen Apothekers und des mit der Zeit gehenden Kaufmanns ist auch diese Stelle typisch gemeint: der Vater gehört auch zu den Alten, er murrt gern über die neue Sitte. Freilich ist seine Klage vielleicht nicht ganz glücklich gewählt. Mein verehrter Lidirer Rudolf Hildebrand klagte auch 1S78 noch im Kolleg, man dürfe sicji jetzt gar nicht mehr im Schlafrock sehen lassen ausser wenn man schreibe: da trete alles in Schlafrock und Pantoffeln auf. Thatsächlich blieb er im Hause ruliig in diesem Kostüm tmd empfing auch so; der Löwenwirt hatte wohl also nicht allzuviel Grund, das Verschwinden einer Sitte zu beklagen, die achtzig Jahre später noch immer im Verschwinden bi'gi-iff'cn w;ir!

Ddrotlieas Kleidung, die einzige entschieden vielfarbige Stelle („Poly- bymnia''. wörtlich wiederholt in „Klio"):

Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten ßusen,

Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;

Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,

Die ihr das Kinn umgiebt, das runde, mit reinlicher Anmut;

Frei und heiler zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;

Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;

A'ielgefaltet und blau fängt unter dem Latze der Rock an

Und iinischliijt iiu" im Gehn die wohlgebildeten Knöchel.

(Joctlie nnd die deutsche Volkskunde. | [

Zur Kleidung- des Mauiies gcliiM-on noch die Seliulic und ;ui Festtao'eu die Kravatte oder, wie es J. Holte wohl besser deutet, die seidene Jaeke:

Handelsbübchcn, die stets am Sonntag- drüben sich zeigen.

Und um die, halbseiden, im Sommer das Läppchen herumhängt.

Auch der gesti(dcte lederne Beutel an Uicinen, „worin der Taltak ilini verwahrt war", gehört hierher.

4. Sitte und Brauch.'

a) Über Hermanns Jugend erfahren wir das Allgemeinste: Schule. Verkehr mit dem Nachbar, Erziehung durch den heftio-eii Vater und die besänftigemle Mutter- It) Spiele: Dorothea verfertigt den Kindern Pnpjicn aus alten Lumpen.

c) Liebe und Hochzeit: Brautwerbung früher und jetzt. Der Trau- ring.

d) Das häusliche Leben: nichts über Dienstboten! Typische Schilde- rung des Lcdiens der Frau im Munde Dorotheens. Die AVöehncriu im Zuge der Auswanderer.

e) Hausschmuck. Bei dem „wackern Mann" mancherlei Besitzstückc:

Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewünscheten Weibchen

Auch in Körben und Ka.sten die nützliche Gabe hereinkommt.

Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter

Viele Leinwand der Tochter von feinem und starkem Gewebe;

Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergeräte,

Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstück.

(Münzen und zwar Gold- und Silberstücke werden auch Itei der Xer- leihuug an die Armen durch den Geistlichen erwähnt.)

f) Hauslektüre: im Gegensatz zu der Bedeutung, die Homer und Ossian im „Werther", die die Lektüre auch in den „Geschwistern" hat, fällt das gänzliche Fehleu hier auf.

g) Viehzucht: die Hühner im Stall von der ^intter nach dem lU-and aufgesucht. Erwähnung des Viehhandels:

Denn ich habe wohl oft gesehn, dass man Rinder und Pferde, Sowie Schafe genau bei Tausch und Handel betrachtet.

Hierher zieh ich auch Wagen und Jvoss. Der J^andauer des reichen Kaufmannes, das Kutschchen des \\'irtes werden mit sachverständigem Behagen geschildert; ebenso <las Geschirr und das Futter des Pferdes.

h) Nahrung: Wein und Bier. Brot und Obst, Schinken und Bier werden genannt: auch die Torten des Zuckerbäckers.

i) Unglückstage: der Brand im Städtchen, als unvergessbann- ^fark- stein von typischer Bedeutung, wie Hehn hervorhebt.

k) Krankheit und Tod: Bericht des Apothekers über Sarg und Totenkutsche.

iL'

.Mevor:

1) Kiidlich noch eine allgemeinere Stelle, die mancherlei Dinge in

absichtlicher Buntheit zusammenwirft: Über dem Schranke heget das Sieb und die wollene Decke: In dem P.acktrog das Hett und das Leintuch über dem Spiegel. Ach, und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig Jahren auch wohl gesehen, dem Menschen alle Besinnung, Dass er das Unbedeutende fasst und das Teure zurücklässt. Also führten auch hier mit unbesonnener Sorgfalt Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend, Alte Bretter und Fässer, den Gänscstall und den Käfig. Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln sich schleppend. Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches; Denn es verlässt der Mensch so ungern das Letzte der Habe.

m) Volksdichtung oder Yolkslitteratur: nirgends auch nur angedeutet, während die in den gebildeteren Kreisen populäre Musik durch die „Zanberflöte" vertreten ist, tou der eben Herrmann nichts weiss. Das also ist das Material, das ein Sammler aus dem schönen bürger- lichen l-]pos zur Volkskunde herausheben könnte. Das Gedicht, an goldenen Sprüchen, ])SYclio]ogisch feinen Zügen, au Momenten echtester Poesie un- erschöpflich, scheint unter diesem Gesichtspunkt nichts weniger als reich: und nirgends spürt man, dass die bürgerliche Existenz als solche den Dichter zu gemütlicherem Verweilen aufgefordert hätte.

Ich hebe nochmals als besonders charakteristisch hervor: von den Farben wird nur zweimal eingehender gesprochen, nämlich bei Dorotheens Erscheinunff, und bei der Beschreibung des neuen Hauses. Aber im letzteren Falle ist das wieder typisch gemeint. Das Haus des Kaufmanns ist grün. weil das, „wie sie es nennen, geschmackvoll ist": „Unser Auge findet in der grünen Farbe eine reale Befriedigung . . . Man will nicht weiter und man kann nicdit weiter. Deswegen für Zimmer, in denen man sich immer befindet, die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird" (Farbenlehre, didakt. Teil. § sOi'; Weim. Ausg.. H.. Abt. I, 320). Und das Grün ist mit ^Veiss verbunden, weil dies „erfreulich aussieht" (ebenda §831: a. a. 0. S. 330). Das „Weissen'' der Bauten steht natürlich allgemein für ihr Auf- frischen. — l'.s bleibt also als einziger individueller Farbenfleck die kräftig bunte Schilderung von Dorotheas Kostüm, die doch auch nicht ohne Rück- sicht auf die „sinnlich-sittliche Wirkimg der Farbe" gewählt sein dürfte. Durchweg \i>t alse. von jenem Einen Monumt abgesehen, alles eigentlich volkskundliche Detail vermieden strenger noch als bei der Sesenheimer I-<l\lle. l-.s ist ein Gemälde typischen Mittel- oder Kleinstadtlebens im liistorischen Moment der französischen Revolution, ohne jegliches Lokalkolorit. .Mlenfalls könnte man aus der Nennung der Städte Frankfurt, Strassburg und .Mannhi'im auf .Mitteldeutschland schliessen, da ein norddeutscher Bürger etwa Ilamlinrg. Berlin und Dresden oder Leipzig, ein süddeutscher jeden-

Goethe und nie deutsche Volkskunde. !;>

fiiHs \\'it>u aber damals noch iiirlit Müiiclicnl eher Xiiniberg autTiliron würde. Dazu passt aucli ein gewisses bebäbig-reichsbürgtMdichcs Gepräge; di(' |)r(Missiselie Strainnihcit und die österreichische Läs.sigkeit liegen gleich well al>. Aber auch das hat eben darin seinen Grund, dass sie Extreme sind, (bis typische diMitsclie Bürgerleben aber in den IMicin- und Main- gegenden (hiheim scheint.

Und diese Beschränkung auf gemeingültige Züge tinden wir nun zu (dtcn Jener Zeit, in der Goethe dem italienischen Wesen so eifrig nachgeht, in den Anmerkungen zum Cellini. in den Biograj)hieu Winckelmanns ninl Ph. Hackerts nicht gern ein Detail übergeht und auch in dem erklärenden Anhang zu „Rameans NefFeir' tief in die „Volkskunde" der höheren Ge- sellschaft Frankreichs eintaucht! Die „sonderbare Audienz'' des armen Priesters, dessen gebratene Salzwurst den Hund anlockt („Phili|)p Hackert'% Werke. Weim. Ausg. 4(), ■i.")4 f.) ist für das Leben des deutschen Land- schafters in Italien ganz gleichgültig; aber den Dichter freut jeder Einzel- zug italienischen Lebens. Man vergleiche nur die Kantaten „Die erste Walpurgisnacht" (1709, also gerade aus jener Zeit) und „Rinaldo" (IST 1)1 Diejenige, die deutschen Stoff behaud(dt. bringt nirgends l-'inzelheiten:

Der Wald ist frei!

Uas Holz herbei,

Und schichtet es zum Brande

während doch sogar der abstraktere Schiller sagt:

Nehmet Holz vom Fichtenstamme, Doch recht trocken lasst es sein.

Nichts erfahren wir über die Opfer; nur „Kauz und Eule" repräsentieren nel)en J']is und Reif die nordische Landschaft. Dort dagegen: „bunte, reichgeschmibdcte Beete", Rosen uml Lilien, builiclie Lüfte,

Und soll ich beschauen Gesegnetes Land, Den Himmel, den blauen, Die grünenden Auen

als Gegenstück zu Kauz und Eule Turteltaube und Nachtigall. Übrigens in beiden jene „erfreuliche"' Farbenzusammenstellung, die wir schon an des reichen Kaufmanns Haus' trafen:

Am grünen Ort Erschallen Lustgesänge, Ein reiner Schnee Liegt auT dei- Ib'Jh

und: Grüne Wellen,

Weisse Schäume.

Aber selbst hier wird der Farbenkontrast in dem italienischen Ge- mälde scharf hervorgehoben, in ileni deutschen nur angedeutet.

14 Mcyor:

Es ist richtig, worauf mich Prof. Roediger besonders noch hinwies. «Uiss Goethe in jener Epoche seinem Sohne ein gewisses volkskundliches Inter- esse an das Herz legt. Er schrei l)t ihm (17. August 1808; Weim. Ausg. ■_'<». 147';: ..Schildere uns doch auch gelegentlich die vorzüglichen Personen, <lie (kl kennen gelernt, jin Lehrern und Lernenden. Jungen und Alten. Hesonders auch bemerke auf deiinm \\'allfahrten das Yolk der verschiedenen Provinzen, ihre Ostalt und Art. ihre Sitten und Betragen. Vergleiche sie mit denen, die du schon kennst, und bereite dich auch hier durch zu einer weiteren und breiteren Erfahrung." Aber hier spricht nur sein pädago- gisches, nicht sein volkskundliches Interesse. So schreibt er auch ein andermal (10. .Iiili iSOi); ebenda 21, 2) dem Sohne: ,,Es ist mir sehr angenehm zu hören, dass Du wohl bist und Dich in Heidelberg der schönen Jahreszeit erfreust. Auch wird mir ganz lieb seyn, wenn Du in den Ferien oine Rheinreise anstellst, wozu ich Dir die Auslagen gerne vergüten will. Sieh Dich nur diibey in Kleidung und sonst einigermassen vor: denn so lustig diese Wasserfahrten sind, so trägt man doch, ehe man sich's ver- sieht, etwas davon. Was Du übrigens auf iliesem Wege siehst und erlebst, <las winl Dir für alle Zukunft zu grossem Nutzen und Freude gereichen. Nur wünschte ich. dass Du als ein fleissiger Heftschreiber auch ein Reise- lieft schriebst, nicht um die Gegenden zu beschreiben, sondern nur von manchen Localitiiten, Menschen, Gasthöfen, Preisen, gegenwärtigen Zuständen, Gesinnungen u. s. w. eine feste Xotiz zu behalten. Dergleichen Aufsätze sind für uns und andere sehr belehrend, und in der Folge, wenn wir wieder an solchen Ort kommen, unschätzl)ar. Schreibe mir unterwegs ein Wort: denn Posten gehen überall.'- Man sieht: die Beobachtungsgabe des Jünglings soll geschärft werden, er soll lernen, die „Totalität des dortigen Zustandes'', wie es im Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe gern lieisst. aufzunehmen, und die lokalen Sitten sind nur das zufällige Objekt. Ebenso emi)fiehlt er (7. November 1808; a. a. 0. 20. 201) August, das in ..llerrmann und Dorothea'- gerühmte Mannheim zu besuchen aber das geschi(dit nur aus persönlichen Gründen (vergl. den Brief an Cliristiane, ebenda S. 200).

Noch einnud nähert sich Goethe dem volkskundliclien Interesse. Wie Strassbiirg und die ltali<'nische Reise, so erweckt die Verjüngung und die llückwanderung in die Jugendzeit noch einmal die Lust an bunt bewegten Volksschilderungen. Von 1812 an bezeugen das die Werke: der reiche Eingang der Autobiographie. Schilderungen wie die Italienische Reise (181(i) und .,Don ("iccio'- (LSI.")), das „Rochusfest- (181(i); Studien wie die zum Divaii (181S). Recensionen wie die über den ..Pfingstmontag" (1819). In dieser Zeit haben auch Balladen wie der „Eckart" und der „Totentanz" (181 ;{) oder die Ballade vom vertriebenen Grafen (1816) ein ungleich volks- tümlicheres Gepräge als selbst die Müllerlieder des grossen Balladenjahres <1797}. Da entsteht auch der ..Festzug. dichterische Landeserzeugnisse,

Goethe uml <lii^ (leiitscho Volkskunde. 15

ilaraiif alxT Kiiii.stc uml AVisseiischafteii vorführend" (zum is. Dez. 181n). der froilicli rasch von Weinbau, Ja,<;d und Weihnachtsfest zu allgemeineren Allegorien eilt (ilemjtel 11, 'V'2'2 f.). Kleine Aufsätze über ,. Regenbogen- schüsselchen'' (l''^l^; Aufsätze über bildende Kunst und Theater, herausg. V. A. G. Meyer und G. Witkowski, S. 289f.) und altgerm. 0])fer- und Leiden- stätten (1815; ebenda H. 411 f.) schliessen sich an und finden (1824) in jenen Worten über den Kölner Karneval (ebenda S. 4i)l) einen späten Nachzügler, wogegen der Bericht ül)er die Bxternsteine (1824; ebenda S. 521) zur allgemeinen Kunstgeschichte gehört. So geht denn also etwa von 1812 1818 ein karger Nachsommer volkskundlicher Interessen und Arbeiten, dem aber die Poesie von Hans Sa(disens ])oetischer Sendung (1770) so gut fehlt wie die Fülle ty[)isclier Züge in „llerrmann und Dordthea''. Wie trocken wirkt die Aufzählung in den ,,TAistigen von Weimar'' (ISl'i) neben der Fauststelle, wo die Handwerksburschen sieh auf Jägerhaus, 3Iühle, Wasserhof und Burgdorf verteilen!

M'ohl lässt er sich wie Hr. Prof. Wein hold betont von 1820 an durch das leidenschaftliche volkskundliche Interesse des Kats Grüner ein wenig mitziehen, nimmt an dessen Sammlungen zur ogerländischen Volkskunde Anteil aber auch hier bleibt er doch wesentlich passiv. Die Arbeiten des wackeren Deutsehböhmen zeigen, wie stark schon in Goethes Zeit das folkloristische Interesse erwacht war; sie l)eweisen auch, ilass es sich längst von fremden ethnologischen Kuriositäten der eigenen Heimat zugewandt hatte. Gründe, die man wenigstens mit scheinl)arem Recht gegen unsere Auffassung von Goethes Behandlung der volkstümlichen Dinge in seiner Jugend anführen könnte, lassen sich jetzt nicht mehr geltend machen. Aber der Greis, d(>r sonst noch so rüstig neue (Jebiete beschritt. fand doch mehr Freude an chinesischen Studien als au eiidieimischer Volkskunde !

x\uch in der eifrigsten Sammh^rzeit hat Goethe, soviel ich aus Unlands „Goethe-Nationalmuseum" und ähnlichen Schriften ersehen kann, deutsche „.A.lt-Thümer" nicht gesammelt, obwohl er diese doch sonst „nicht gering schätzt" (Zahme Xenien: Hempel 2, 362). Die deutsche Volkskunde blieb ihm fremd, so eifrig er sonst grosse Lebensäusserungen beoliachtete. Aber eben die Grösse vermisste er vielleicht zu sehr an dem gedrückten Volksleben Deutschlands (vgl. meinen „Goethe", S. 218). Stand er doch überhaupt dem Begriff der Nationalität zweifelnd gegenüber und war ge- neigt, in ihr nur eine störende Zwischenstufe zwischen den Gegenständen seines Interesses zu sehen : dem Einzelnen und der Gesamtheit. Die italienische Nation mit ihrem Volksleben machte eine Ausnahme, weil er in ihr elten das typische, klassische Gesamtleben zu sehen glaul)te. Den Deutschen aber riefen die Xenien zu: „Zur Naticm Euch zu bilden. Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!" Wie Lessing über den gutherzigen Einfall lächelte, den Deutschen ein Nationaltheater g(djen zu wollen, da sie doch

I ,-; MüllonholV:

kt'ine ^'ation seien, so mocliTe er zweifeln, üb viel von dem Volkstum die Rede sein könne, wo kanm ein Volk vorhaudeu schien. Jahn, dem Er- Ünder des Wortes .,Volkstum'\ stand er abgeneigt gegenüber, den roman- tischen Vergötterungen des Nationalen skeptisch. Wer begreift es nicht? Heut stünde es anders! Heut sind wir wieder eine Nation und der Freude an -Icn lebendigen Kundgebungen des Volkslebens würde heut ein (loethe sich am allerwenigsten entziehen!

Zur Gescliichte der Bieneiiziiclit in Deutschland.

Von Prof. Dr. Karl Müllenhoff.

Unter den dem Menschen nahestehenden Tieren hat die Biene eine ganz besonders bevorzugte Stellung. Der Bienenzüchter betrachtet seine Bienen als zur Familie gehörig; er bezeichnet sich selbst als den Bienen- vater. Es ist dieses eine Benennung, für die man vergeblich nach einer Analogie sucht. Es würde keinem Bienenzüchter einfallen, wenn er Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, Hunde und Schweine hält, sich etwa auch als den Vater dieser Tiere bezeichnen zu wollen. Die gemütvolle, patriarchalische Anschauung, die in dem Ausdrucke Bienenvater sich offenbart, findet sich in mancherlei alten Crebräuchen. So wurden in Bayern und Böhmen bei einer Hochzeit die Bienenkörbe mit einem roten Tuche geschmiickt, damit sich die Bienen mit den Menschen freuen, nnd in Westfalen wurden die Neuvermählten den Bienen mit dem Spruche vorgestellt:

Inien in, imeii ut, Hir is de junge briitl Imen üra, imen an, Hir is de junge manni Irackes verlat sc nit, Wenn se nu mal kinner kritt. ;_(]. li. liefert ihnen Honig für die Kinder.)

Und ebenso wie die Bienen an den Festtagen des Hauses teilnehmen, sollen sie auch Anzeige erhalten, wenn Traner in der Familie herrscht. In Westfalen klopft man beim Tode des Hausvaters an die Stöcke und spricht:

Inie wake op, diu herre is dout, Dil sass hacwen kaine nout!

Ahnrulie Gebräuche finden sich an vi(den Orten.

Dass die Biene mit einer ganz besonderen Zärtlichkeit geliebt wird, ist bei uns eine uralte Sitt(>: das beweisen zahlreiche Sprüche aus der

fri'ilic^fcn '/,1'it.

Zur Geschicbto der Bioiienzucht in Deiitsclilaml. 17

Solu- bezeiclmeiKl liicrfür ist ilci- Lorecher Uieiieiisegcn (Müllenlioff- Sclieror. Deukmiilor deutschiT Poesie uiul Prosa, Xo. XVI); or sfamint wohl aus dem 9. Jahrli. uud ist im 10. Jalirh. aufgezeichnet.

Kirst! imbi is hiizc! Jesus Christ! der Sehwarm ist draussen!

Nu fhuc du, vihu minaz, hera, Nun fliege du, liebes Tier, hierher,

Fridu frono in gotes munt Um unter dem Frieden des Herrn in Gottes

Heim zi comonne gisunt. Unverletzt heimzukommen. [Schutz

Sizi, sizi, bina! Setze dich, setze dich, Biene!

Inböt dir sancte Marjä. So gebot dir Sankt Maria.

Hurolob ni habe du, Urlaub sollst du nicht haben,

Zi holce ni i\\\c du, Zum Walde fliege nicht,

Noh du mir nindrinnes, Dass du mir nicht entrinnest,

Noh du mir nintuuinnest. Noch dich mir entwindest.

Sizi vilu stillo, Setze dich sehr stille,

Uuirki Godes uuillon. Vollbringe Gottes Willen.

Es verdient eine besondere Beachtung, dass in diesem Bienensegen die Biene zärtlich „liebes Tier'' genannt wird.

Eine von alters her beim A^olke weit verbreitete Anschauung war es, dass die Bienen Sinn für Musik und Gesang haben sollen. In Konrad von 3legenbergs Buch der Xatur, einem in den Jahren i;^49 und lo.")() geschriebenem Werke, heisst es: Die bieneu fräwent sich, wenn man die hend zusamen' klopfet, und wenn man klingelt mit gesmeid, so samnont sie sicli.

Auch Konrad von Megenberg liat von der Biene eine besonders hohe Meinung. Er bespricht im dritten Buche, das von den Tieren handelt, genau wie es jetzt üblich ist, zuerst die Wirbeltiere und dann die niederen Tiere, „die würm-'. Xu well wir von der allerlei wurmen hie sagen und des ersten von der pein, wan diu ist diu edelst under in allen, heisst es am Schlüsse der Einleitung.

Ähnlich w'ie Konrad von Megenberg riet auch Coler, der 1(5 11 in Wittenberg einen ,, nützlichen Bericht von den Bienen oder Immen'" her- ausgab, den schwärmenden Bienen mit einem Becken aufzuwarten und zu klingeln, denn die Biene sei ein musikalisches Tier, welches sich zum Klange halte.

Dieser Glaube ist noch jetzt bei uns verbreitet. In Schwaben uud Bayern klopft man, wenn die Bienen schwärmen, mit Schlüsseln auf ein Senseneisen, damit der Schwärm sicli niederlasse. Ist dieses geschelien. so fasst man das Volk in einem vorher mit Wachs und Immenkraut aus- gestrichenen Korb. In der Schweiz dengelt man, sobald ein Schwärm kommt, auf Siclieln und Sensen. In manchen Gegenden soll das Läuten mit einem Glöckchen bewirken, dass die Bienen sich ansetzen.

Die l)ienen haben nach dem Volksglauben ausser ihrem Sinn für Musik auch noch die besondere Gabe, gute und böse Menschen unter- scheiden zu können. Man glaubt, dass die Xähe schlechter 3Ienschen sie

/.eitsflir. d. Vereius f. Volkskunde. VMO. ^

]^s; Müllenhoflf:

störe und zum Stechen reize. Leichtsiunige AYeiber. Trinker. Apotheker und Totengräber sollen den Bienenstichen besonders ausgesetzt sein. Einer der unter schwärmenden Bienen stehend von diesen verschont wird, gilt für einen guten Menschen. Der Glaube, dass die Biene schuldlose und reine Menschen verschone, veranlasste Mädchen, ihren Verlobten dadurch eine Tugendprobe zu geben, dass sie sich zu den Bienen stellten. Und in der That machen die Bienen grosse Unterschiede zwischen den 3Ienschen. 3Iancher wird von ilmen fast ganz verschont, andere erregen die Stechlust der Bienen.

Seit im Altertiuu Aristoteles, Yergil, Plinius und zahlreiche andere griechische und römische Schriftsteller über den Körperbau und die Lebens- weise der Biene und die Methode der Bienenzucht eingehende Arbeiten veröfiFentlichteu, bis in die neueste Zeit, ist wohl über kein Tier so viel gesehrieben worden, wie über die Biene. Auch über das Yorkommen und die Pflege der Biene in Deutschland giebt es für einen Zeitraum von jetzt bereits mehr als •2000 Jahren eine grosse Anzahl Nachrichten; bald sind es einzelne kleinere Angaben, bald auch grössere zusammenhängende Dar- stellungen. Aus der Gesamtheit dieser Aufzeichnungen lässt sich der Ent- wickelungsgang der Bienenkenntnis und der Bienenzucht recht vollständig ersehen.

Im folgenden will ich zu schildern versuchen, was mir aus der reichen Litteratur von ganz besonderem Werte zu sein scheint.

Durch Pytheas von Massilia erfahren wir, dass er bereits zur Zeit Alexanders des Grossen bei den Germanen an der Nordseeküste und zwar an der Emsmündung die Yerwendung des Honigs zur Metbereitung an- getroffen habe. Zahlreiche Nachrichten der griechischen und römischen Schriftsteller bekunden die Häufigkeit der Bienen und die riesige Grösse der Waben im Gebiete des Rheins und der Weser.

Über die Art, wie die Bienenzucht von den germanischen Yölkern betrieben worden ist, machen allerdings die griechischen und römischen Schriftsteller keine näheren Angaben. Doch erkennen wir aus den allen germanischen Sprachen gemeinsamen alten Bezeichnungen für die Bienen und ihre Wohnungen, was für Kenntnisse die germauischen Yölker von der Biene besassen und wie sie die Bienenzucht betrieben.

Solche den verschiedensten germanischen Yölkern gemeinsamen Wörter sind das Wort die Biene (das Einzeltier), die Imme (das Bienenvolk, der Schwärm), die Drohne (das Bienenraännchen), die Bienenmutter (der Weisel, die Königin), die Wabe (das Gewebe der regelmässig gewirkten Zellen), die lluve (engl, hive, die Bienenwohnung aus Brettern, Baumrinde oder auch aus Stroh).

Der Umstand, dass alle diese Ausdrücke rein germanischen Ursprungs sind, dass vor allem keiner derselben aus dem Lateinischen stammt, beweist ebenso wie das direkte Zeminis «Ics Pvtlieas un.1 der nmleren alten Autoren,

Zur Goscliichti' der BiiMioiizuclit in Doiit>clil;inil. 19

<lass die Deutsclieii die IJieiuMizuclit keineswegs erst durch die Mittel- ineervölker kennen lernten; sie kannten die Biene und ihre wertvollen Produkte schon von den ältesten Zeiten her.

Ja die germanischen Völker besassen sogar von dem Leben im IJienen- staate eine viel klarere Vorstellung als die Völker des klassischen Alter- rums. Zumal über die Gesclilechtsverhältnisse der im Bienenvolke ver- einigten Tiere hatten die Griechen und Eömer höchst unklare Ideen. AVeit verbreitet war im ganzen Altertum die Meinung, dass Bienen aus dem Fleische von Rindern und anderen grossen Tieren entständen. Aus dem Stierfleisch sollten die besten, aus einem verfaulten Löwen herzhafte, aus dem Kopfe dieses Tieres Prinzen und Könige entstehen; aus verfaultem Kuhfleisch wüchsen sanftmütige und aus Kalbfleisch Schwächlinge. Aristo- teles, Plutarch, Varro, Columella, Vergil, Plinius und viele andere haben dieser Ansicht gehuldigt. Vergil weiss sogar zu dieser Bienenerzeugung bestimmte Regeln anzugeben.

Die Alten sprachen vielfach den Bienen die geschlechtliche Fort- pflanzung ganz ab. „Sie erfreuen des Gatten sich nicht, noch eigenen Geschlechtes" sagt Vergil. Andere meinten zwar, dass die verschiedenen in einem Volke vereinigten Bienenwesen entweder männlich oder weiblich seien, waren aber im Zweifel darüber, wo im Bienenvolke das männliche. wo das weibliche Geschlecht zu suchen sei. Aristoteles und viele nacli ihm hielten den Weisel (die Königin, wie wir jetzt gewöhnlich sagen) für den einzigen Mann, der alle anderen Bienen begatte und dem sie alle folgten, wie die Hennen dem Hahn.

Von den ältesten deutschen Schriftstellern wird dagegen die Bienen- königin regelmässig richtig als die Bienenmutter und das ganze Volk als ihre Nachkommenschaft bezeichnet. So lautet ein St.-Gallischer Bienen- segen aus dem 8. Jahrh. (Grimm, I). Mythol.''', S. 1190):

Adjuro te mater apiorum Ich beschwöre dich, Mutter der Bienen,

Per Deum regem coclonim Bei Gott, dem Könige des Himmels

Et per illum redemptorem, Und bei dem Erlöser,

Filium Dei te adjuro, Dem Sohne Gottes beschwöre ich dich.

Ut non te in altum levare Dass du dich nicht in die Höhe erhebst

Nee longe volare, Noch weit wegfliegest,

Sed quam plus cite potes, Sondern dass du so schnell du kannst,

Ad arboreni te alloces Dich an den Baum setzest

Cum omni tuo genero Mit deiner ganzen Sippschaft

Vel cum socia tua. Oder mit deiner Genossin.

Ibi liabeo bona vasa parata. Dort habe ich gute Behälter bereitet.

Ut vos in Dei nomine laboretis. Damit ihr in Gottes Namen arbeitet.

Man sieht, der St.-Galler Mönch war ein schlechter Lateiner aber ein guter Kenner der Naturgeschichte der Biene. Sein Ausdruck mater apiorum zeigt, dass er mit dem Latein recht willkürlich umging. Aber er wusste. dass die Bienenkönigin (der Weisel) die Mutter der Bienen ist. Und der

.,. I Müllenboff:

Aiiädi-Qck cum socia tua beweist, dass der Schreiber des Bienensegeiis beobachtet hatte, dass in dem Schwärme sich zuweilen zwei Königinnen 1)efinden. Dieses kommt zumal bei Nachschwärmen öfters vor. Im Angelsächsischen heisst die Königin beömödor und im Englischen

motherbee.

Die Bezeichnung Bienenmutter findet sich auch sonst in deutschen

Bienensegen. So heisst es in Westfalen:

Bimour, sette dick, Bienenmutter setze dich,

Tüh van düesera plattse nit. Zieh von diesem Platze nicht.

Ick gäwe di heus und platts, Ich gebe dir Haus und Platz,

Deu^sass driän hunaich un wass. Du sollst tragen Honig und Wachs.

Und ganz ähnlich heisst es in der Xeumark: Liebe Bienenmutter bleibe hier! Ich will dir geben ein neues Haus, Darin sollst du tragen Honig und Wachs.

Die alte richtige deutsche Auffassung, der Weisel sei die Bienen- mutter, ist im Volke bis in die neuere Zeit hinein erhalten geblieben, aber auch nur im Yolke, nicht bei den Gelehrten. Bei diesen wurde die durch die Autorität des Aristoteles gestützte irrige Meinung, der Weisel sei ein Männchen, alleinherrschend. Und erst im Jahre 1672 wurde durch Swammerdam der wahre Sachverhalt wissenschaftlich ermittelt, und es vergingen noch über 100 Jahre bis diese Lehre sich bei den Gebildeten alloemeine Anerkennung verschaffte. Man sieht: die Irrtümer haben ein zähes Leben.

Germanische Völker haben überall, wo es nur irgend möglich war, Bienenzucht getrieben, sowohl in Italien und Spanien, wie im mittleren Europa und in Skandinavien. Und überall im Süden wie im iS^orden ist die Bienenzucht in ganz bedeutendem Umfange betrieben worden, das erkennt man aus der grossen Anzahl gesetzlicher Bestimmungen, die den Betrieb sichern.

Unter den ältesten germanischen Gesetzbüchern sind bezüglich des iiienenrechtes besonders wichtig: Das Recht der Langobarden (die Lex Ptothari) für Italien im Jahre 644 verfasst, das Recht der Westgoten (die Lex Visigotorum) für Spanien und Südfrankreich niedergeschrieben um 700, von deutschen Gesetzsammlungen das um 550 aufgesetzte salische Gesetz (die Lex Salica), das um (J'J.') geschriebene Recht der ripuarischen Frauken (die Lex Ripuaria) und das um 6.50 entstandene Recht der Bayern (die Lex Bajuvariorum). Bei den Xordgermanen nehmen die jütischen, see- ländischen, schonischen, ostgotländischen und südermanuländisehen Gesetze auf die Bienenzucht Rücksicht. In Norwegen und auf Island setzte das Klima der Bienenzucht unüberschreitbare Grenzen.

Diese Gesetzbücher sind untereinander recht A'erschieden in Bezug auf Juristische Dinge, aber alle stimmen untereinander fast vollständig überein.

Zur Geschichte clor Bienenzucht in Deutschland. -Jl

^vo es sich um Angaben bezüglich des Bienenzuchtbetriebes liand(^lt. Es läset sich daher aus der Gesamtheit dieser Gesetze ein recht klares und vollständiges Bild gewinnen, von der Bienenpflege bei den alten Germauen.

Mau triel» Bienenzucht in beweglichen Stöcken (Kästen und Körben, vas apium nennt sie die Lex Salica). Dieselben waren zuweilen einzeln aufgestellt, zuweilen in grösserer Anzahl oder wie man jetzt sagen würde, zu ganzen Bienenlagdeu vereinigt. Vielfach waren sie mit einer Umzäunung eingefriedigt (Jydske lov; Ijex Salica: sub clave) und durch ein Dach vor dem Regen geschützt (Lex Salica).

Aus der J^ex Bajuvaviorum geht hervor, dass man, um Bienenschwärme eiuzufangen, besondere Stöcke aufstellte; Lockhuven neimt diese Stöcke das Westerwolder Landrecht. Die in Bayern angewandten Lockstöcke waren zuweilen aus Weidengeflecht (ex surculis), in anderen Fällen aus Holz oder aus Rinde gearbeitet. Sie waren oben mit einem abnehmbaren Deckel versehen und wie unsere jetzigen Strohkövbe, z. PJ. die Lüneburger Stülper, unten offen. Das bayerische Gesetz schreibt nämlich ausdrücklich vor, man solle, um einen entflogenen Schwärm wieder zu bekommen, den Stock nicht oben öffnen, sondern das Volk durch Aufstossen des unten ott'enen Stockes auf die Erde uud durch Klopfen mit der Hand heraus- treiben. Hier wird ein Verfahren beschrieben, das fast vollkommen mit dem noch jetzt fiblichen ,,Umlogieren" von Bienenvölkern übereinstimmt.

Bienenstände durfte man sich im allgemeinen überall einrichten. Doch schreibt das Gesetz der Westgoten vor: Wenn jemand Bienenwohnuugen in einer Stadt oder in einem Dorfe erbaut hat, und einem anderen Schaden zugefügt liat, so soll er sogleicli veranlasst werden, dass er seine Bienen- stöcke in entlegene Örtlichkeiten bringt, damit sie nicht etwa an ihrer alten Stelle Menschen oder Tieren Schaden bringen. Und w^emi jemand etwa diese Vorschriften nicht befolgt und es wird durch seine Schuld Vieh getötet, so soll er das, was durch seine Schuld getötet ist, doppelt ersetzen, und das, was beschädigt ist, soll er behalten und ein ähnliches zum Ersätze geben und soll wegen Xichtbefolgung des erhaltenen Befehls eine Brüche von 5 solidi bezahlen.

Durchweg wird in den ältesten germanischen Gesetzen die Biene als ein Haustier angesehen. In der Lex Ripuaria heisst es: A^'enu jemand ein Schwein aus der Bucht stiehlt, zahlt er eine Brüche von 12 solidi. wenn er es vom Felde stiehlt, eine Brüche von 3 solidi. und ausserdem ersetzt er den dreifiichen Wert des Gestohlenen. Wenn jemand ein Schaf aus dem Schafstall stiehlt, so zahlt er eine Brüche von 6 solidi, wenn er es vom Felde stiehlt, eine Brüche von 3 solidi, und ausserdem ersetzt er den dreifachen Wert des Gestohlenen. Wenn jemand einen Bienenstock aus der Bienenlagd stiehlt, so zahlt er eine Brüche von 12 solidi, und ausserdem ersetzt er den dreifnchen W^ert des Gestohlenen.

._>._) Mülloiihoff:

(Die in ilem Gesetze genannten solidi bezeichnen, wie liier zum Ver- ständnisse <ler Strafbestimmung angeführt sein mag, ebenso wie in anderen fränkischen Gesetzen eine Rechnnngsmünze, worin der Wert der landwirt- schaftlichen Erzeugnisse ausgedrückt wurde. Im ripnarischen Rechte vertrat der solidus den Wert einer gesunden Kuh.)

Im ripnarischen Gesetze werden somit die Bienen in dieselbe Reihe mit Schweinen und Schafen gestellt und offenbar wie diese zu den Haus- tieren gerechnet.

Geradezu als Haustier bezeichnet wird die Biene im anfangs erwähnten Lorscher Bieneusegen. Sie wird in demselben mit vihu minaz, liebes Vieh. angeredet. Das Wort vihu wird stets nur für Schafe und andere Haustiere angewendet. In dem sanktgallischen Wörterbuche, das aus dem Ende des 7. Jahrh. stammt, wird demgemäss fihu geradezu mit gregies, Herdenvieh,, übersetzt. Und im lO./ll. Jahrh. überträgt Notker HI. in seiner Ver- deutschung des Gesanges des Propheten Habakuk: Abseidetur de ovili pecus et non erit armentum in praesepibus ganz sinngemäss mit den Worten Smälez feho uuirt kenomen föne stigo, rint ne stät ze chripfo: Kleines Vieh wird genommen werden aus dem Schafstalle, Rinder werden nicht mehr stehen an der Krippe. Notker »stellt hierbei die Schafe, das^ Kleinvieh, den Rindern, dem Grossvieh gegenüber. Dieses entspricht genau dem jetzigen Sprachgebrauch; auch jetzt noch unterscheiden wir Kleinvieh und Grossvieh und bezeichnen mit dem Worte Vieh oder lieber Vieh (vihu minaz) nur Haustiere, nicht irgend welche beliebigen wilden Tiere des Waldes und Feldes.

Die ursprünglich ganz klare deutsche Anschauung, die Biene sei al& ein zahmes Tier, ein Haustier, anzusehen, ist im Laufe der Zeit, als das römische Recht mehr und mehr Geltung gewann, verdunkelt, ja selbst zum grossen Teile durch die römische Auffassung verdrängt worden. Im Gegen- satze zu der deutschen Anschauung, stellt das römische Recht den Grundsatz auf, die Biene sei ihrer Xatur nach wild. Diese aus dem römischen Recht entnommene Bestimmung hat auch in Deutschland Geltung gewonnen und findet sich sehr deutlich ausgesprochen in dem Magdeburger Weichbildre<^ht. einer Gesetzsammlung, die im Anfang des 14. Jahrh. entstanden ist und in vielen Städten namentlich des östlichen Deutschlands Geltung besass. [m ^[agdeburger Weichbildrecht heisst es: Vlüget en swarm ut eues manes hove to sirae nakebur, die nakebur is ijm naer to behaldene denne jene die in gevolget hevet, wenne die bene en wilt worm is: Fliegt ein Bienen- schwarm aus eines Mannes Hofe zu seinem Xachbarn, so ist der Nachbar mehr berechtigt ihn zu behalten, als die, welche ihm gefolgt sind, denn di<i Biene ist ein wilder Wurm.

Aber wenn auch hier uiid sonst vielfach ilie römisch-rechtliche An- schauung Geltung gewann, so hat sich doch die alte deutsche Auffassung nicht vollständii»' ver<lräno'en lassen.

Zur Geschichte der Bieueuzucht in Deutschland. 2.'5

Die eigentümliche Natur der Biene liat von jeher besondere gesetzliche iJestinunungen für dieses Tier nötig gemacht.

Mannigfache Vorschriften regelten vor allem den Erwerb und den Besitz von Bienensclnvärmen. Wenn jemand im Walde einen Schwärm findet, bestimmt die Lex Yisigotorum. so mache er drei Kreuzhiebe (decurias, das Zeichen X), welche man ]\rerkmale (characteres) nennt Dieselbe Form der Besitzergreifung wird in der Lex Langobardorum er- wähnt und es wird dabei hinzugefügt: Wer von einem gezeichneten Baume im Walde Bienen wegnimmt, zahlt eine Brüche von (5 solidi.

Wie zäh das Volk an einmal eingeführten Reclitsanschauungen und Kechtsbräuchen festhält, zeigt die Thatsache, dass SOO Jahre, nachdem die Lex Langobardorum niedergeschrieben wurde, im Jahre 1509 im Bücher- thahn- Landgerichtsurteil diese Sitte noch als rechtsgültige Form der Besitz- ergreifung von herrenlosen Schwärmen augeführt w^ird. Ja noch im vorigen Jahrhundert war die Sitte, einen Baum, in dem man Bienen bemerkte, durch Axthiebe zu zeichnen, in der Mark Brandenburg üblich.

Besondere Vorschriften schützten später den Waldbesitzer gegen die Beschädigung ihrer Bäume; auch stand denselben, wenn aus ihrem Walde ein Schwärm geholt wurde, der Honig zu, den die Bienen während ihres Aufenthaltes im Walde eingetragen hatten (Rechtssprichwort: Honig folgt nicht den Bienen).

Während es erlaubt war, auf dem eigenen Stande Lockstöcke auf- zustellen, um die von den eigenen Völkern ausgehenden Schwärme auf- zufangen, war die Aufstellung von Lockstöcken, ja selbst das blosse Be- treten des Waldes mit einem Lockstocke strenoe verboten. Wer aboefasst wird, während er im Walde, der einem anderen gehört, für die Bienen in einem Behälter Lockmittel trägt, zahlt '6 Mark; so schreiben die schwedisch- gotischen Gesetze. In Schweden und Dänemark lockte man nämlich die Schwärme mit einer süssen Mischung Cblande), die in einem schliessbaren Gefäss (bikar, scruf) war. Xoch heute wird in Schweden so verfahren.

Eine sehr harte Strafe setzt auf die Aufstellung von Lockstöcken das Westerwolder Landrecht von 1470. Dasselbe bestimmt (V, 17): Dar eiisal nimant gene lockhuven setten in datt moer oft' velt off in dat broek by sineni halse; wel se vindet, mach se den gerichten to seen laton: Da soll niemand Lockhuven setzen in das Moor oder in das VeM oder in den Wald, bei Todesstrafe. AN'er immer solche Lockhuven findet, zeige sie den Gerichten an.

Es bestand also nach Westerwolder Recht keineswegs die im Magde- burger Weichbild vertretene Ansicht, dass die bene en wilt worm is. Die Biene galt vielmehr als Haustier; denn die Aufstellung von Lockhuven wurde ebenso wie der Bienendiebstahl bestraft.

Es würde zu weit führen, alle die zahlreichen Einzelbestimmungen aufzuführen. Das Ge2:ebene "enüot. um zu zeis^en, wie verbi'eitet in

24 Müllenhoff:

Deutschland und den germanischen Nachbarländern die Bienenzucht war, welche hohe Bedeutung dieselbe gehabt haben luuss und dass die germa- nischen Völker ihr eigenes Verfahren der Bienenzucht ausgebildet haben und dass sie von den Eöniern dabei keine nachweisbare Förderung er- fuhren.

Eine Veränderung in der von altersher übliclien Betriebsart der Bienenzucht trat erst ein, als die Deutschen mit ihren östlichen Nachbarn, den Slaven, in nähere Berührung kamen. Sorben wohnten in Oberfrauken (am oberen Main und an der Rednitz), sowie zwischen Saale und Bober. Zwischen Mittelelbe und Oder sassen die Lutizen; sie bewohnten die Lausitz, die jetzige Mark Brandenburg und Vorpommern, Rügen und die Inseln an der Odermündung. Abotriten hatten das jetzige Mecklenburg inne. Polen und die ihnen naheverwandten slavischen Pommern sassen im Gebiete der Oder und Weichsel von den Sudeten bis zur Ostsee.

Alle diese slavischen Völker trieben eine besondere Art der Bienen- zucht, die man mit dem Worte Zeidelwirtscliaft bezeichnet. Starke Kiefern oder auch andere Waldbäume wurden unterhalb der Krone ausgehöhlt. Die Höhlung wurde sodann mit einem Brette verschlossen, das nur eine kleine ÖfPnung zum Aus- und Einfliegen der Bienen hatte. Diese aus- gehöhlten Stämme wurden entweder von den schwärmenden Bienen von selbst aufgesucht oder durch den Bienenhalter mit einem Schwärm besetzt.

Diese Zeidelwirtschaft. die noch jetzt in den slavischen Ländern des Ostens, in Polen und Russland üldich ist. war bei den Sorben. Lutizen, Abotriten und slavischen Pommern weit verbreitet, und sie muss wohl für die damaligen Verhältnisse der Ostmarken sehr zweckmässig gewesen sein, denn bereits aus der Zeit der Okkupation dieser Landstriche durch die Deutschen stammen Berichte über die grossen Erträge, die die Zeidel- wirtschaft lieferte.

Durch die Einführung des Christentums und die Unterwerfung der Slaven wurde im ganzen Gebiete die Waldbienenzucht nicht vermindert, sondern eher gesteigert. Die Klöster erhoben von den slavischen Zeidlern Steuern an Honig und Wachs. Der Honig diente zum Würzen der Speisen an Stelle unseres Zuckers, und zur Bereitung des bei Slaven und Deutschen gleichmässig verbreiteten und allgemein hochgeschätzten Getränkes, des Mets. Das Wachs wurde von der Kirche zur Herstellung der für viele güttesdieustlichen Handlungen unentbehrlichen Kerzen gebraucht. Die Klöster hielten daher ihre Untergebenen zu regelmässigen Lieferungen dieser Produkte an. Auch die Landesherrn bezogen aus dem Honig- und Wachsertrage ihrer Waldungen bedeutende Einkiinfte. Genaue Nachrichten hierüber geben die AN'eistümer, das Landbuch Kaiser Karls des Vierten. die Schossregister und zahlreiche andere Quellen.

Diese Zeidelwirtschaft blieb während des ganzen Mittelalters eine Arbeit, die fast ausschliesslich von Leibeio-enen. Hörigen. Itetrieben wurde.

Zur Geschichte der Bioiieiizucht in Deutschland. 25

Die Zeidk'v werden diilier aueli in den Urkunden melirfiich die Dedi/.eii (Dedititii. d. h. Leibeigene) o-enannt. Sie wohnten in den Städten aus^er- lialb der Stadtmauern und konnton nur durch Loskanf von «ler J4i»niggulde. d. h. der Verpflichtung zur Lieferung von Honig an ihre Herren Bürger der Stadt und Handwerker werden.

l'rüh schon vereinigten sich in den verschiedensten Gegenden die Zeidler zu grösseren Verbänden; sie bildeten Genossenschaften mit ähn- lichen Rechten und Pflichten, wie sie die Zünfte besassen; doch wurden diese Zeidlergesellschaften nicht zu den freien Zünften gereclniet. oft"enl)ar weil sich unter den Zeidlern vielfach Leibeigene befaiulen. Derartige Zeidler-Genossenschaften bestanden:

L in Pommern in den Landen Laueuburg und Bütow,

•J. in der Kurmark für die Umgegend von Fürstenwahle, Storkow.

Beeskow und Köpnick, o. in der grossen Görlitzer Heide.

4. in der Oberiausitz im Amte Hoyerswerda und der Herrschaft Muskau und

5. im ]S^ürnberger Reichswald.

Die Zeidler hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, und für jeden Bezirk bestanden mancherlei, oft sehr wunderbare Satzungen und Gebräuche, über die wir aus der Zeidelordnung Karls des Vierten, die Bütnerordnnng des Herzogs Barnim von Pommern und andere alte Verordnungen uiiterrichtet werden. In Pommern, der Mark und Schlesien hiessen danach die Ältesten der Zeidlerbrüderschaften die Starosten, die Aufsichtsbeamten hiessen die Pscheradniks und die Richter führten den Titel Schuppan; lauter slavische Bezeichnungen. Dieselben bezeugen, dass die Zeidler grösstenteils slavischer Abstammung waren. Slavischen Ursprungs ist auch das AVort Zeidler: das AVort ist aus den germanischen Sprachen nicht zu erklären und ist (wie Schade in seinem Althochdeutschen Wörterbuch ausführlicii begründet) aus dem slavischen Vcelari (Zeidler) abgeleitet, indem die Deutschen das AVort so wiedergaben, wie es der deutschen Zunge bequem war. ^^ eniger sicher erscheint die Ableitung des Wortes Beute (die Bienenwohnung im hohlen Baum) und der davon abgeleiteten Bezeichnungen Klotzbeute. Bütiu'r. Bütenbäume ii. s. w. aus dem Slavischen. Jedenfalls ist, soweit die vorhandenen (Quellen erkemien lassen, der Gebrauch, Bäume aus- zuhöhlen und diese Höhlung, die Beute, mit Bienen zu besetzen, slavischen L'rs])rungs.

Eine für tiie Geschichte der Bienenzucht im östlichen Deutschland sehr wichtige Quelle ist das „polnische Rechtsdenkmal"-. Dieses Gesetz- buch wurde im \o. Jahrh. in mitteldeutscher Sprache zum Gebrauche eines Beamten des deutschen Ordens aufgezeichnet. Es giebt das in ^^ est- prenssen übliche polnische Volksrecht wieder und der Verfasser hebt im Eino-auö-e den Gegensatz /um deutschen und römisciieii Rechte besonders

.;,; Mülleiihoff: Zur Geschichte der Bienenzucht in Deutschland.

Iiervor. Dabei oiithält es so zahlreiche und genau eingehende Bestimmungen über das Bienenrecht, dass es selbst ausführlicher in diesem Punkte ist, als das gleichzeitige Jydske lov, das sonst von allen Rechtsbüchern über die Bienenzucht die meisten Bestimmungen giebt.

.Tahrliunderte lang hatte in ganz Dentschland die Bienenzucht in hoher Blüte gestanden; sie hatte zumal in den östlichen neuerworbenen Ländern in den waldreichen Ebenen so grosse Erträge gebracht, dass der Crewinn aus der Zeidelwirtschaft fast dem Holzertrage der Waldungen gleichwertig war. Da begann im 16. Jahrh. ziemlich zu gleicher Zeit für ganz Deutsch- land eine Zeit des ^Niederganges der Bienenzucht.

Die Reformation verzichtete auf den Lichterglanz der Wachskerzen; sie verminderte den Wachskonsum. Die Aufhebung der geistlichen Stifter hatte vielfach zur Folge, dass der Honig- und Wachszins aufhörte; der bisherige Zwang zur Bienenzucht fiel fort. Die Auffindung des Seeweges nach Ostindien und die Entdeckung Amerikas führten den Import von ostasiatischem Pflanzen wachs und amerikanischem Honig und Zucker herbei. Als dann gar der Anbau der Zuckerrübe in Dentschland in grossem Mass- stabe betrieben win-de, schien es, als sei eine lohnende Bienenzucht fürderhin ganz unmöglich. Und doch erhielt sich wenigstens eine Betriebsart: die Bienenzucht in Körben und Kästen.

Die Zeidelwirtschaft dagegen hörte allmählich in ganz Deutschland auf. Der wachsende Preis des Holzes machte diese Betriebsart der Bienenzucht unrentabel, welche gerade die schönsten und stärksten Stämme der Wald- bänme verdarb.

Erst um die Mitte dieses Jahrhimdert begann wieder eine Zunahme der Bienenzucht. Dieselbe wurde ermöglicht durch die von Dzierzon ein- geführte rationellere Methode des Betriebes, die beweglichen Waben, die Honigschleuder u. a. Yerbesserungen. Seitdem hat sich die Bienenzucht zwar nicht zu der Bedeutung entwickelt, die sie im Mittelalter hatte, aber sie ist doch ein nicht ganz unwichtiges Gewerbe. Xach der letzten Yieh- zählung haben wir in Deutschland etwa 2 Millionen Bienenstöcke, und man kann den Gesamtwert des produzierten Honigs und Wachses auf jährlich etwa W Millionen Mark veranschlagen, eine recht bedeutende Summe, beträgt doch der Wert der gesamten Erträgnisse der Jagd nur 17 Millionen jMark.

Die 24 000 Bienenzüchter, welche dem deutschen Centralverein an- gehören, sind über das ganze Reich ziemlich gleichmässig verteilt, und es ist einem jeden, der sich für die Bienenzucht interessiert, durch das sehr (Mitwick(dte Yereinsleben der Imker und die grosse Anzahl der deutschen Bienenzeitungeu leicht, sich über alles zu orientieren, was die Biene angeht. Denn die Bienenzüchter treiben keine Geheimniskrämerei, sondern sind stets bereit, einen jetlcn ülier das geheimnisvolle Leben ihrer lieben Bienen zu imterrichten.

Mamihardt und Scliwartz: Briefe. '27

Vier Briefe Wilhelm Maiiiihardts an Wilhelm Schwartz und ein Brief von W. Schwartz an W. Mannhardt.

Als Anhang:

Zwei Briefe K. Müllenlioffs an W. Schwartz.

o. 0. u. J. Lieber Herr Direktor!

Vielen Dank für Ihre vorige und die letzte freundliche Zusendung, wovon die sehr interessante und treffliehe x\bhandlung über die alt- pr(eussisehe) Totenbestattung mich besonders angesprochen hat. Ihre Be- richtigung meines Verstdiens hat ganz meinen Ijeifall. Ich hatte den Fehler längst gesehen und namentlich wegen seiner Verwertung durch ürohmann mich darüber geärgert. Es fand sich indes bis jetzt keine passende Gelegenheit, ihn zu verbessern. Mit nächstem hoffe ich Ihnen auch einige Kleinigkeiten znsenden zu können. Mit bestem Grusse

Ihr W. .>rannhardt.

2.

Danzig. -JD./e. 1865. Hochverehrter Freund!

Ks war längst meine Absicht. Ihnen zu schreiben, um Ihnen für ver- schiedene Zeichen freundlichen Gedenkens herzlich zu danken, zumal für die Zusendung Ihres reichhaltigen letzten Buches: Die ])oetischen Xatur- anschauungen.^) Aber Sie wissen w(di], wie es geht, ohne eine bestimmte Veranlassung bleibt es gar leicht beim lilossen Wollen und ioli bedauerte nur, dass ich keine Gegengabe hatte, deren Überreichung mich zu schreiben i;etrieben haben würde. (Nur ein kleines populäres Büchlein „Weihnachts- bliiten" wird Ihnen hoffentlich Ende 18(;3 vom Verleger auf meine Ordre zugegangen sein.) Zudem bin ich sehr vi(d durch Krankheit behindert gewesen; seit einem halben Jahre habe ich eines Augenleidens willen kaum einen Fe(lerstri(di arbeiten können, und erst seit einigen A\ oclicn darf ich wieder damit anfangen. Entschuldigen Sie also meine Versäumnis, und glauben Sie, dass nicht Mangel an Interesse mich dazu veranlasst hat. Im Gegenteil mit lebhafter Freude, bald zustimmend, bald ablehnend, habe ich Ihre „Naturanschauungen" durchgemacht. Sie haben sehr vicd Neues darin angeregt, aber Sie müssen mir nicht verübeln, wenn ich sage.

1) W. Schwartz, Die poetischen Naturanschauuugeu der Griechen, Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie. I. Sonne, Moud und Sterne. Berlin 1865.

.)<^ Maunhartlt und Schwartz:

dass ich im allgemeinen darin weniger als denen in dem „Ursprünge der Mythologie''') folgen kann. Es liegt eben in der Xatur derartiger Unter- suchungen, wie wir sie anstellen, zumal aber in der Art derjenigen, die Sie, verehrter Freund, pflegen, dass nur langsam und nach und nach Sicherheit und Gewissheit im einzelnen zu erreichen ist. Ich hoffe jedoch, dass das Zusammenwirken von drei verschiedenen Standpunkten aus, welche Sie, Kuhn und ich einnehmen, uns mit der Zeit zum Ziele führen werde, wenn wir jeder klar unserer Schranke bewusst sind. Ihnen bleibt das grosse Verdienst, neue Gesichtspunkte eröffnet zu haben und durch intuitive Vertiefung in die Naturanschauung mit Hilfe grossartiger Phantasie und ebenso l)edeutender Gelehrsamkeit, ich möchte fast sagen alle jene ^[öglichkeiten erschöpft zu haben, welche für die gläubige bildliche Auf- fassung der Xaturphänomen als erste Mythenansätze vorhanden sind. Kulms tiefe Vedenkenntnis und geniale Koml»inationskraft spüren immer neue AVahrscheinlichkeiten des Zusammenhängens europäischer und indischer Mythen auf. In mir, der freilich sein geringes AVissen weder mit Kuhns umfassender Sprachkenntnis, noch mit dem Reichtum Ihrer griechischen Studien messen kann, klärt sich immer mehr eine dritte Arbeitsweise, wenn ich so sagen darf, eine kritisch-historische, welche nach exaktem Wissen strebend herauszustellen sucht, wo nun im einzelnen Falle wirklich ge- schichtlich (von der jüngsten Form der Vorstellungen bis zur ältesten fort- schreitend und dieselben in dem naturwüchsigen Zusammenhang ihrer ver- schiedenen Erscheinungsformen betrachtend) die Forschimg die nach Ihrer und Kuhns Methode gleichsam a priori gewonneneu Ergebnisse ebenfalls herausstellt. Auf diese AVeise werden wir drei, jeder nach seinen Galten gedeihlich nebeneinander wirken können, einander hier ergänzend, dort berichtigend, vollständig selbständig und unabhängig voneinander werden wir, in den Gruudprincipien einverstanden, auf allgemeine Annahme unserer Resultate um so sicherer rechnen dürfen, wann und wo dieselben auf ver- schiedenen Wegen gewoimen miteinander übereinstimmen.

Ich hoffe. Ihnen in 1 2 Monaten einen längeren Aufsatz übersenden zu köjmen über „den Roggenwolf und Roggenhund'', den ich vor 14 Tagen nach Wien geschickt habe mit der Bitte, ihn in die Schriften der Akademie aufzunehmen. Dieser Aufsatz wird Ihnen ein Bild von dem Gewinn und der Wandlung geben können, die ich in den letzten sechs Jahren, seit dem Erscheinen meiner Götterwelt (Jahren der Strache) in Bezug auf meine Methode erfahren habe. Es ist die erste Probe aus einer begonnenen grösseren Arbeit über die agrarischen Gebräuche der Germanen und diese wieder der erste Grundstein jenes AVerkes, von dem ich schon öfter mit Ihnen üesprochen und dem Sie ein freundliches Interesse zuzuwenden so

1) Der Ursprung der Mythologie, dargelegt au griechischer uiul deutscher Sage vou AV. Sclnvaitz. B.'rlin ISHö.

Brief.-. 2t >

Liütig' Willen, [cli meine einen ijuelleuschntz iler Volksüberliet'ernnu', <lei' <tie einzelnen Traditionen historisch rückwärts l)is auf ihre erste ErAvilhnun«;- und in ihrem heutigen York(uninen von Gau zu Gau bis iiuf die h'tzte Grenze ihrer ethnographischen Vi'rbreitung verfolgt. Ich habe bereits ■-'000 ausführliche Berichte zusammengebracht und sende jetzt rben wieiler 40000 der Fragen, die ich deshalb <lrncken liess, an Schullehrerseminare, an die Gymnasien und landwirtschaftlichen Vereine der deutschredenden Länder in die Welt. In Polen, den russischen Ostseeprovinzen und Skandi- navien ist die Nachforschung auch bereits angeregt; für Dänemark habe icli im vorigen Jahre aus dem Munde von ßOO Kriegsgefangenen in (irau- denz ein reichhaltiges Material gewonnen. Ich darf gewiss auch auf Ihre liebevolle Bereitwilligkeit rechnen, mich in dieser Sache zu unterstützen und von den besandten 350 Gymnasien wird das Neu-Ruppiner dank der lebendigen Anregung von selten seines Direktors gewiss nicht <lie wenigsten schlechtesten Beiträge liefern.

Da fällt mir ein, dass ich Ihnen auch noch nicht zu der so verdienten Beförderung meinen herzlichen Glückwunsch gesagt habe, welche Sie freilich von Berlin entfernt hat und Ihnen so viele wissenschaftliche Hilfs- mittel und den Umgang mit einer werten Familie und alten lieben Freunden abschneidet. Ich hoffe nur, dass das Verhältnis in Ihrer neuen Heimat sich möglichst augenehm für Sie gestalten mögen und Sie und ihre geehrte Frau Gemahlin sich darin recht wohl und glücklich fühlen. Was mich betrifft, so lebe ich eiustw^eilen bei vieler körperlicher Schwäche und häufigem ümvohlsein ganz glücklich im Schosse meines elterlichen Hauses. Eine Stellung als zweiter Bibliothekar an der hiesigen Stadtbibliothek, die mich täglich 3 Stunden in Anspruch nimmt, gewährt mir ein bescheidenes Einkommen und lässt mir Müsse, der begonneneu grösseren Arbeit mit Lust und Eifer obzuliegen. Die Vollendung der agrarischen Gebräuche wird doch wohl einige Jahre erfordern. Ich hoffe, dass es mir später möglich sein soll, die Vorlesungen an der Berliner Universität wieder auf- zunehmen.

Diese Zeilen, deren Flüchtigkeit Sie gütigst mit der Masse der 6U0 vor den Ferien abzusendenden Pakete resp. Kreuzbände, die häufig scln-ift- liche Beilage erfordern, entschuldigen wollen, werden Sie in vielbean- spruchten Tagen erreichen. Ich wünsche Ihnen einen frohen und ungetrübten Verlauf Ihres schönen Jubiläums. Gleichwohl hoffe ich, wird für Sie so viel Zeit übrig bleiben, um meiner Bitte (der Verteilung und Empfehlung meiner Blätter an Ihre Zöglinge) willfahren zu können und wenn Sie sonst Gelegenheit haben in der Mark, namentli<di nach der Priegnitz hin. neue Fragen auszustreuen, oder selbst etwas zu erfahren, so bitte ich Sie herzlich, meiner Sache sich bundesbrüderlich annehmen zu wollen.

In Freundschaft und voll wahrer Hochachtung verbleibe ich

Ihr ergebenster "Wilhelm Mannhardt.

•^0 Mamiliardt und SchAvartz:

3.

Danzig, 3. Januar 1877.

Verehrter Herr Direktor! Es drängt mich, nachdem Sie in diesen Tagen meine „Antiken A^"ald- und Feldkulte'") werden erhalten haben, Ihnen auszusprechen, dass der ziemlich scharfe Widersprucli, den ich gegen einen grossen Teil der Er- gebnisse Ihrer Forschung glaubte erheben zu müssen, in keiner Weise das persönliche Gefühl der Zuneigung und Verehrung berührt, welches mich mit Ihnen l)isher verbunden hat und noch verbindet. Lassen Sie. dies möchte ich Sie zu bitten mir erlauben, über der Differenz wissenschaft- licher Ansichten und Methoden, die uns trennen, unsere Freundschaft nicht in Stücke gehen und uns bei gegenseitiger Verteidigung unserer Stand- punkte andererseits die wesentlichen gemeinsamen Überzeugungen nicht vergessen, welche uns in den Ausgangspunkten unserer Forschung einigen. Indem wir so auf verschiedenen Wegen einem und demselben Ziele zu- streben, wird jeder einiges zu Tage fördern, was künftiger Forschung nutzen kann; die Spreu wird verfliegen, die Körner werden bleiben. Der Wissen- schaft wird die Arbeit von verschiedenen Seiten her immer diesen und jenen Gewinn abwerfen und allmählich muss aus unseren Irrtümern sich die Wahrheit herausarbeiten. Indem ich Ihnen, verehrter Herr Professor, für Ihre mehrfachen Zusendungen danke, die mir auch bei abweichendem Standpunkt immer zu lernen geben, grüsse ich Sie herzlich zum neuen

Jahre I

Ihr Sie hochachtender und ergebener

Wilhelm Mannhardt.

Antwort von W. Scliwartz an W. Mannliardt.

Posen, den 20. Januar 1877.

Erst jetzt komme ich dazu, Ihr freundliches Schreiben vom 3. d. zu beantworten. Die in demselben ausgesprochenen Gesinnungen und An- sichten begegnen sich vollständig mit den meinigen. So freudig ich den- selben aber zustimme, kann ich Ihnen doch nicht ganz verhehlen, dass Sie die Bethätigung derselben im öffentlichen Verkehr durch einzelne Stellen Ihres neuesten so bedeutsameji Werkes^), für welches die Wissen- schaft Ihnen nur dankbar sein kann und dessen Zusendung ich ebenso eni])funden hatte, nicht gerade leicht machen. So sehr ich nämlich auch der sich S. XXIX aussprechenden Stimmung Rechnung trage und es bei derselben doppelt erklärlich finde, dass Sie das neue Gebiet, auf welches Sie Ihre Forschungen übertragen, früheren litterarischen Erscheinungen

1) Antike Wald- und Feldkiütc aus uordeuropäischer Überlieferuug, erläutert vou Wilhelm Mannhardt. Berlin 1877. (Teil 2 der Wald- und Feldkulte.)

2) Antike Wald- und Fcldkulte.

BrielV. 31

goiioiiüber ontspreclieud hervorheben, auch vollständig anerkenne, ilass Sie denselben zum grossen Teil gerecht werden, auch vielen Ihrer weiteren Ausfülu-ungen ganz beistimme, so spitzt sich doch stellenweise, geehrter Herr Doktor, jenes Bestreben zu einer Schärfe des Angriffs, namentlich im einzcdnen zu, die im Interesse derselben Wissenschaft ohne gelegentliche entsprechende Entgegnung hinzunehmen, man doch einiges Bedenken tragen muss. Wenn ich auch specicdl zugebe, dass die Form meines Buches „Poetische Naturanschauungen", zu der übrigens, nebenbei bemerkt, ein Gespräch mit Ihnen .die Veranlassung gab, in seiner Ausführung vielleiehr für das grosse Publikum nicht gerade praktisch war. und 1)essei' die mytliologischen Exkurse ganz von dtu" Sammlung d(>r sprachlichen An- schauungen getrennt worden wären, so werden Sie es doch bei nochmaligem Erwägen der Schärfe Ihres Ausdrucks, glaube ich selbst, zugeben, dass ich nicht alle Resultate der Naturanschauungen, wie des Ursprungs der Mythologie und der Abhandlung über den Sonnenphallus u. s. w. durch ^ine Bemerkung wie ]). XXIII, Z. 28 ruhig kann öffentlich diskreditieren lassen. Wenn (AVolfgang) Menzel in seinem Morgenblatt mich seiner Zeit einer Idiosynkrasie beschuldigen Hess, weil ich die Mythologie am Himmel suche, so konnte ich das ertragen, da ich mir des Gegensatzes voll bewusst war, in dem die neue Wissenschaft zu dem bisherigen System steht; wenn aber Sie, von dem das Publikum meint, dass Sie in derselben Richtung arbeiten, ähnlich auftreten, so ist es bedenklich, dies ruhig hinzunehmen. Sie sprechen von einem Verstricktsein in einer grösstenteils selbst er- schaffenen wirren Phantasiewelt und schildern doch selbst in einer Ihrer niHisten Publikationen die Zeit, deren Schöpfungen ich nachgehe, als eine derartige, indem Sie das Bild von einem ewig brodelnden Zauberkessel heranziehen, dem immer neue wechselnde, sich häufig ausschliessende. einander widersprechende Xaturbilder für ein und diescdbe Sache ent- steigen. Sollte Ihr Vorwurf da nicht mehr den Stoff' als den Forscher treffen? Mag ich auch im einzelnen zuweilen zu kühn vorgegangen sein. manches berichtigt werden, ja fallen, die allgemeineren Resultate dürfte in ihrer ^Mehrzahl niemand umstossen. Wie nah kommen ihnen nicht, ganz abgesehen von anderem, auch schon Gubernatis, Schoene. deren Schriften ich jüngst durchmachte, von ganz anderem Stand[)unkte aus, ja Sie selbst immer wieder und wieder gelegentlich, z. B. beim Sonnenbaum, und wollen Sie denn alle Ihre früheren Schriften ganz veideugnen?

Wie mit dem Obigen steht es mit dem anderen allgemein gehaltenen Vorwurf p. XXIV, Z. 6 ff. in betreff der Quellenbenutzung, den ich weder in seinem ersten noch zweiten Teile zugeben kann.

j Wenn ich (ad 2) Jacobis mythologisches Wörterbuch denn von dem ist doch nur die Rede , wo es mich auf etwas aufmerksam gemacht, durch Anführung gerecht geworden bin, auch wo ich, wie fast immer ge- schehen, die Stellen nachgeschlagen, die der Verfasser anführt, so geschah

y2 Mannhardt und Schwartz:

('S ti'ils aus einer vielleicht zu weit getriebenen Gewissenhaftiiikeit. teils für eiu bequeuies komjjendiarisches Nachschlagen anderer. Es fällt dabei doch sehr ins Gewicht, dass es kein populäres Wörterbuch etwa ist, sondern ein wissenschaftlich gehaltenes, höchst fleissig und exakt gearbeitetes AVerk. Die Behauptung, dass durch gelegentliche Heranziehung desselben die ganze Methode gelitten, scheint mir zumal ungerechtfertigt. Dasselbe gilt von p. XXXII, wo Sie für Prof. Priedländer, einen gemeinsamen Gegner, eintreten und mir etwas in einer Allgemeinheit imputieren, was ich so gar nicht behauptet habe, und dann es scharf zurückweisen. Falls Sie noch einmal die Abwehr des Fr : Angriffs ansehen, dürften Sie mir zugeben, dass ich nur in einem bestimmten von ihm provozierten Falle die Kon- sequenz des von ihm bei Besprechung desselben gewählten Küsterstand- punktes humoristisch gezogen habe. Ich that dies um so mehr, als ich von Schülern von ihm hörte, dass jene Behauptung über meine angebliche Geringschätzung des Homer sein Evangelium sei, welches er bisher schon vom Katheder immer und natürlich dort unwiderlegt verkündet. Ich gestehe Ihnen offen, dass mich Ihre scharfe Parteinahme und das mit der- selben verbundene oben angedeutete Missverständnis, als ob ich überhaupt an Küstergoschichten zweifelte, um so mehr überrascht hat, als ich trotz alledem voraussetzen zu können glaube, dass Sie in den betreffenden Mythen, um die es sich ja nur liandelt, die Spuren gemeinsamer Urtradi- tionen selbst nicht verkennen. S. 340, Anm. will ich nicht nrgieren. aber selbst, wenn ich nach Ihrer Bemerkung das Umstürzen des Tisches (trotz der im Ursprung der Mythologie angeführten Analogie) fallen liesse. so müsste ich mindestens gegen das „auch hier" protestieren. Wenn ich aber auch in diesen und ähnlichen Punkten mir die öffentlich abgenötigte Abwehr gelegentlich vorbehalten muss und dann vice versa nur zu er- wägen bitte, dass es eben nur eine Abw^ehr und eine Abwehr im Interesse der Sache ist. der Sie ja auch dienen, so hoffe icli doch auch, dass über die Differenzen um so weniger die freundschaftlichen Beziehungen, d. h. das Bewusstsein gemeinsamen Strebens in dem Aufbau einer ganz neuen Wissenschaft ernstlich leiden werden als, je mehr man sich in dieselben vertieft, das Feld um so grösser erscheint, fast fortwährend neue Perspek- tiven und Fragen auftauchen, so dass jeder noch lange Spielraum die Hülle und Fülle für die Entfaltung seiner Ideen finden dürfte. Bei allen Irr- tümern im einzelnen, die ich bei mir wie bei jedem andern Übrigen, namentlich bei einer späteren Revision des vor Jahren Geschriebenen finde, meine ich doch immer mehr soviel sich zusammenfügende Resultate ZM, sehen, dass ich die wenn auch langsam heranwachsende Entwickelung ihn" betreffenden Wissenschaft immer deutlicher wahrzunehmen glaube und darin immerhin eine Befriedigung empfinde.

Wenn wir drei, Kuhn, Sie und ich durch günstigere Fügung der Yer- hältnisse vor ca. Jahren etwa an eine Universität berufen dem ruhigeren

Briefe. 33

Ausbau derselben hätten leben können, dürfte derselbe schon jetzt weiter gediehen und die Sache sich allseitigere Anerkennung und damit auch grössere eigene Befriedigung er\vürl)eu liaben; nichtsdestoweniger gUiube icli doch, dass wir das Bewusstsein haben können, im allgemeinen die Grundlagen richtig gelegt zu haben.

Möge Ihnen, und das sage icli in Bezug auf p. XXIX, noch vergönnt sein, manches Werkstück nocli /.u unserer Wissenschaft beizutragen, wie ich auch hoffe, dass mir mein Amt oder genauer gesprochen die Ferien einmal bald den Abschluss einer Arbeit ermöglichen, die neben dem II. Teil der Xaturanschauungen schon lange darauf wartet und gerade nach allseitigen Eichtungen geht, so dass spociell mir auch das Erscheinen Ihres Baumkultus sehr erwünscht kam, wir uns auch vielfach in den in Ilirer neuesten Einleitung ausgesprochenen Ideen berühren dürften.

Ich niusste mich nur erst im vorigen Jahre schulmännisch frei schreiben mit einem Buche, welches ich gleichzeitig als ein kleines avTidowov für Ihre wertvollen Zusendungen anzunehmen bitte. Es will den Reform- Ijestrebungen unserer Zeit gegenüber ausführeu, dass die beste Reform der höhereu Schule der praktisch methodische und gewissenhafte Ausbau im Sinne der preussischen Schulgesetzgebung ist. Nachdem ich so nach dieser Seite mein Gewissen salviert, denke ich wieder, so Gott will, etwas melir zu jener anderen Beschäftigung mich w^enden zu können.

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen, in den ausgesprochenen Hoffnungen

Ihr A\'. Schwartz.

4.

Danzig, 21. Februar 1877.

Verehrter Herr Professor!

Ihr lieber Brief vom 20. Januar ist mir eine besondere Freude gewesen; Sie hätten schon längst eine Antwort darauf, wenn ich nicht durch einen Kopfrheumatismus mehrere Wochen hindurch völlig arbeitsunfähig gewesen wäre. Lassen Sie mich Ihnen nun zunächst herzlich danken, sowohl für Ihre Zeilen, als für das Geschenk Ihres wertvollen Buches, welches ein schönes Zeugnis davon ist, wie Sie eine segensreiche praktische Berufs- thätigkeit wissenschaftlich zu vertiefen und fruchtbar zu macheu verstehen, neben welcher dann, was Sie ausserdem noch für die Wissenscliaft leisten, um so dankenswerter erscheint, als es mit dem Opfer mancher zur Er- holung bestimmter Stunde erkauft ist. Um nun auf die Schmerzenskinder Ihrer Müsse und dasjenige Gebiet wissenschaftlicher Bestrebungen zu kommen, auf welchem wir gemeinsam nach der Palme der Wahrheit ringen, so lassen Sie mich mit der Bemerkung beginnen, dass selbstverständlich auf meinen scharfen Angriff eine Aljwehr wie Sie sie irgend für nötig lullten werden, Ihnen unbenommen bleiben umss, ohne dass ich aus iler-

Zeitsclir. d. Vereins f. Volkskunde. l'JUO. ■>

34 Mannhardt und Schwartz :

selben einen Grund zur Empfindlichkeit schöpfen dürfte. Darf ich ja doch vertrauen, dass Sie sich, ebenso wie ich es zu thun gemeint habe, lediglich an die Sache halten werden. Kleine Missverständnisse laufen übrigens leicht mit unter und bei allem ernsten Streben dem andern ge- recht zu werden, scheitert dasselbe vielfach au der Schwierigkeit der Auf- gabe. Wofern ich also Ihre Anschauung nicht überall ganz korrekt wieder- oeo-eben habe, schreiben Sie das, verehrter Herr Professor, nicht böser Absicht zu. Indem ich mir nun erlaube, über die in Ihrem Briefe be- rührten Differenzpunkte zwischen unseren Anschauungen im einzelnen mich etwas deutlicher auszusprechen, bemerke ich zuerst, dass es mir mit Ihnen eigen geht. Niemand kann lebhafter als ich von der Bedeutung Ihrer Forschungen für die Entwickelung der Wissenschaft durchdrungen sein, ich fühle mich sozusagen als zu Ihrem Fleisch und Blut gehörig, aber sobald ich an die Prüfung des einzelnen gehe, schwinden mir Ihre Resultate zum grossen Teile unter den Händen, und es hilft nicht, dass ich wieder und wieder zur Betrachtung derselben zurückkehre, ja in den letzten Jahren ist mir selbst vieles von dem, was mir früher sicher schien, ebensowohl als so manches mir sehr plausible Ergebnis eignen Forschens wieder sehr zweifelhaft geworden. Lege ich mir Rechenschaft über die Gründe ab, so stellt sich in der That eine nicht zu unterschätzende Ab- weichung zwischen unseren Ansichten und unserer Methode heraus. Mcht als ob ich den himmlischen Ursprung mythologischer Gebilde leugnete, aber ich glaube entschieden nicht zugeben zu können, dass die gläubige Apperception der Himmelserscheinungen den Ausgang und Mittelpunkt der „ganzen Mythologie'^ bildete; auch behaupte ich, dass ein grosser Teil der von Ihnen zum Ausgangspunkte der Deutungen gemachten Xatur- anschauungen nur Ihre eigene Konjektur oder als Bilder bei subjektiven Dichtern nicht als volkstümliche Schöpfungen nachgewiesen sind. Dies war der Grund, weshalb ich in dem von Ihnen erwähnten und zu Ihren „Naturanschauungen" in Beziehung gesetzten Gespräche den Wunscli aus^ gesprochen hatte, es möge jemand die sicher nachweisbaren bildlichen Naturanschauungen sowohl aus dem Yolksmund als aus den Dichtern jede für sich zusammenstellen (also z. B. solche Benennungen wie Kühe, Böcke für Wolken, Antike Wald- und Feldkulte 156. 203). Insofern nun Sie diese meiner Meinung nach zu grossem Teile nur in Ihrer Konjektur bestehende chaotische Fülle von Verbildlichungen der coelestischen Phä- nomene zum Ausgangspunkte aller Mythologie machen, ohne der mythischen Apperception der verschiedenartigsten irdischen Gegenstände und der viel- verzweigten Sippe jüngerer mythischer Bildungen gebührend Rechnung zu tragen, erlaubte ich mir von einem Yerstricktsein in eine wirre Phantasie- weit zu reden; bezweifle aber dabei an und für sich keineswegs, dass die grossartigeren Naturphänomene mannigfache Bilder im Geiste der älteren Menschheit erweckt und dass verschiedene derselben zu eigentlichen Mythen

Briefe. 35

Tveiterii'espoimen wurden. Daher konnte ich mit Recht hinsichtlich der Sonnenbihler die citierte Stelle vom brodelnden Zauberkessel schreiben. Allein jede solche mythische Apperception ist zunächst nur ein einfaches (iebilde, gewissermassen eine einfache Zelle; zusammengesetzte Bildungen, wobei ganze Komplexe einen gleichartigen Inhalt verraten, werden kaum anders als durch eine dasselbe Grundthema. variierende, später mehrere Bilder akkumulierende Poesie entstehen. Deshalb hal)e ich ziemlich kühn vermutet, dass die Argonautensage (falls Ihre Deutung auf das Leben der Sonne richtig ist) eine Reminiscenz aus mehreren uralten griechischen Sonnenhvninen nach Art der vedischen von der Ushas sein möire. Der Zuwachs, welchen in den meisten Fällen der ursprünglichen Zelle die epische Poesie zuführt, ist von anderem Stoff als die der ersteren zu Grunde liegende Naturanschauung. Da aber in der überwiegenden Mehr- zahl der Fälle auf dem Boden der griechischen Mythologie das Bewusstsein von der urs])rünglichen Xaturbedeutung der Mythen bereits vor Homer sich verloren hat, da in der homerischen Zeit bereits die fremden Zusätze den Naturkeru überwuchern, so ist es grösstenteils ungemein schwer, die Grund- bedeutung mit Sicherheit herauszuerkennen, ohne Beiwerk für wesentliches zu halten oder aus den gleichgestaltigen Naturbildern verschiedener Phä- nomene jedesmal das zutreffende herauszufinden. Es kann das nur (und häufig auch nur annähernd) durch genetische Untersuchung des ganzen Sagenkreises geschehen. Dass Sie, verehrter Herr Direktor, eine solche nicht anstellen, dies war meine Meinung, wenn ich Ihnen Arbeit mit dem mythologischen Lexikon zum Vorwurf machte; nicht die Verwendung und offene Nennung einer so achtenswerten und zuverlässigen Arbeit, wie das .lacobische Buch ist, an sich wollte ich tadeln. Hätten Sie diesen Gesichts- punkten grösseren Einfluss gegönnt, so würden Sie z. B. auch den ätio- logischen Sagen mehr Rechnung getragen haben, deren Gebiet mir sehr viel ausgedehnter scheint als man je geahnt hat. Die darauf bezügliche ^Stelle entschuldigen Sie habe ich geschrieben, ohne Ihre betreffende Abhandlung zur Hand zu haben; nur einige Notizen, die ich mir gemacht, lagen vor; aber die 3 Sagen, um welche es sich handelt, kann ich nicht für urverwandt erkennen; die Übereinstimmung erscheint mir nur als zu- fällig und von der Faunussage, wie derjenigen von Dionysos, glaube ich nachweisen zu können, dass wie und warum sie beide nur Deutungen von Kulthandlungen sind. Ätiologische Sage erkenne ich auch in der Lykaon- sage und das auch hier in Anju. 1, S. 340 bezieht sich unter anderem darauf, dass schon Ihre Auffassung des Lykaon ein voreoov irrooreQov ent- hielt, indem nicht die Sage das frühere war, sondern der Kultakt; jene ist erst aus letzterem, nicht einmal unmittelbar, sondern sekundär ent- standen; zur Erklärung der ursprünglichen Vorstellung ist nur der durch Rückschlüsse zu rekonstruierende Kultakt selbst zu verwenden. -Fasse ich alles zusammen, so scheint es mir, dass Sie gewissermassen mehr aprio-

Mannhardt und Schwartz: Briefe.

ristisch zu Werke gehen, während meiner Eigentümlichkeit eine streng induktive Methode mehr zusagt und deshalb als zu verwirklichendes Ideal vorschwebt. Beide Richtungen ergänzen sich und leben mit und durch- einander. Es ist aber natürlich, dass die Resultate der ersteren durch die Specialforschung sich mannigfache Korrekturen und Beschränkungen müssen gefallen lassen, bis sich alles zurechtrückt. So etwa fasse ich das Ver- hältnis unserer Standpunkte und, wenn ich dabei in der Polemik einige Schärfe hervorkehrte, so sehen Sie daran lediglich das erfahrungsmässig gerade zwischen nächstverwandten Richtungen hervortretende (leider nur allzuhäufig in Unduldsamkeit ausartende) Interesse einer deutlichen und scharfen Scheidung in den abweichenden Punkten. Auf der Differenzierung beruht ja der Fortschritt. Sobald diesem Interesse genügt ist, dürfen wir zu einer stärkeren Betonung dessen, was uns einigt, zurückkehren. Dass wir, wenn uns die Gunst der Umstände ein gemeinsames Arbeiten mit mündlichem Ideenaustausch gestattet hätte, uns mehr ausgeglichen liätten, bin auch ich überzeugt. Ihr freundlicher Brief lässt mich aber noch dazu hoffen, dass w^ir uns auch in manchen Punkten, in denen unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen, verständigen werden. So sehe ich denn mit Spannung und in Erwartung vielfacher Belehrung Ihren in Aussicht gestellten beiden Werken entgegen. Glauben Sie und seien Sie überzeugt, dass ich jede Iln-er Kombinationen oder beigebrachte That- sachen, zumal so hoch interessante, wie die Zeitschrift für Ethnologie, YII, 408, mit gebührender Aufmerksamkeit wiederholt üljerlege und über ihre Tragweite mir klar zu werden suche. Weit entfernt, meine eigenen Aufstellungen für etwas Anderes als Versuche zu halten, die auf sehr verschiedenen Stufen des Gelingens stehen, lebe ich mit Ihnen gleich- wohl der Hoffnung, dass die Zukunft unseren Bestrebungen das Zeugnis nicht versagen wird, einige wesentliche Grundlagen zum wissenschaftlichen Verständnis der Mythologie gelegt zu haben. Ich stehe aber den klassischen Mythologen weniger fremd gegenüber als Sie, sondern stehe gewissermassen vermittelnd zwischen Ihnen beiden.

Leben Sie wohl, verehrter Herr Professor; es grüsst Sie hoch- achtungsvoll

Ihr W. Mannhardt.

Zwei Briefe von K. >liilleiilioff an W. Sclnvartz.

1.

Kiel, den 6. September 1851. Verehrter Herr! Sie werden vielleicht schon im Londoner Athenaeum (March 1851, Xo. 1-219. l-Ji'O) eine Anzeige von Thom. Wrights Narratives of sorcery and magic bemerkt haben. Wenn nicht, so erlaube ich mir, Sie darauf

Schell: ßcrgische Hochzeitsgebräucho, 37

aufmerksam zu machen und Sie zugleich an liir Vorsprechen für unsere Zeitsclirift zu erinnern. Es wird Ihnen wohl leicht möglich sein, das Bucli in Berlin, sei es durch die Bibliothek oder vielleicht von Jacob (Trimm oder sonst jemand, zu erhalten. Es würde uns sehr angenehm sein, wenn Sie Ihren Aufsatz, als dessen Thema Sie mir das Hexenwesen nannten, an diese Schrift anknüpften. Jedenfalls hoffe ich, dass Sie unser nicht ver- gessen werden.

Von Kuhn, den ich herzlich zu grüssen bitte. Jiabe ich gehört, dass er in "Westfalen auf der Sagenjagd gewesen: ich hoffe, dass er wohlbeladen heimgekehrt. Icli nehme einen doppelten Anteil an liirem Werk, einmal als Mytholog, dann auch, weil mein Geschlecht vom väterlichen Grossvater her der roten Erde angehörte.

Seien Sie bei mir stets der herzlichsten Hochachtung und frenn*!- schaftliclisten Gesinnung versichert, mit der ich verbleibe der Ihrige

K. .Müllenhoff.

2.

Berlin, den 11. Xoveml)er 186'J.

Verehrtester Herr Professor I

Wie sehr ich mich Ihres Programms „Der heutige Volksglaube" gefreut habe, und wie hoch ich dasselbe halte, da es uns zuerst das rechte Wort für den Inhalt des Volksglaubens gab, habe ich Ihnen ehedem ausgesprochen. Mit vielem Vergnügen habe ich daher Ihre Abhandlung in der neuen Gestalt, die Sie ihr gegeben haben, gestern Abend durchlaufen, wenn ich Ihnen aiicli, ich gestehe es, in den ueu ausgearbeiteten Partien nicht zu folgen vermag. Ich würde Ihnen gern meinen Hank ])ersünlich abstatten, wenn nicht meine Zeit durch Vorlesungen und die Dekanatsgeschäfte so in Anspruch genommen würde, dass es mir unmöglich ist, die Reise zu Ihnen anzutreten. Seien Sie <lurch diese Zeilen meiner Erkenntlichkeit und aufrichtigen Ergebenheit versichert, mit der ich verbleibe stets der Ihre

K. Müllenhoff.

Bergische Hoclizeitsgebräiiclie.

Von 0. Schell.

Hie ursprüngliche Fülle der Formen und Bräuche, welche bei dem ersten und höchsten Feste des Menschen, dem Hochzeitsfeste, und allem, was ihm notgedrungen vorangeht, herrschte, hatte sich schon mit dem Ende des Mittelalters verloren. Hie ]\[undscliaft hatte den im Recht fest-

3g Schell:

gestellten, im Yolksbewusstsein lange haftenden Wert eingebüsst. Die einstigen Standesnnterschiede waren auch hier zu Lande fast ganz ver- wischt worden, um so mehr, als das Bergische einer der wenigen Striche Deutschlands war, wo die Unfreiheit und Hörigkeit, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, imbekannte sociale Formen waren. Zwar standen viele Freien des Bergischen Landes zu diesem oder jenem Adelsherrn, zu hohen Kirchenfürsten, in einem Lehnsverhältnis, das durch die örtlichen Weistümer (Lacomblet-Harless, Archiv, Bd. 6. 7) seine Regelung erfuhr. Doch sind wir nicht imstande, auf Grund jener rechtlichen Festsetzungen, deren schriftliche Fixierung für unsere Gegend meist verhältnismässig spät erfolgte, festzustellen, welche Macht darin dem heimischen Adel bei den Eheschliessungen seiner Unterthauen eingeräumt war. Die rein materiellen Fragen, die Festsetzung von Spann- und Handdiensten, die Regelung der Kurmut u. a. überwiegt entschieden in diesen Weistümern. Dazu hat schon K. Weinhold (Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, Wien 1851, S. 196, F, 275, Wien 1897) nachgewiesen, dass landesherrliche Ehestiftungen nur bis ins 16. Jahrhundert nachweisbar sind. Und mit diesem Zeitpunkte sollen unsere Ausführungen aus weiter unten anzuführenden Gründen erst einsetzen.

Ein zeitlich weiteres Zurückgehen als ins 16. .lahrh. ist schon wegen der beiden Yolksstämme, welche die ursprüngliche Bevölkerung des Ber- o-ischen bilden, nämlich der Franken und Sachsen, kaum thunlich. Die fränkische Sitte scheint allerdings im Laufe der Jahrhunderte die sächsische immer mehr verdrängt zu haben; doch kann die sächsische Stammesart in den östlichen Strichen des vormaligen Herzogtums Berg auch heute noch keineswegs geleugnet werden. Die gesetzlichen Bestimmungen der Franken und Sachsen weichen ganz gewaltig voneinander ab; das Rechts- bewusstsein des Volkes musste dadurch stark beeinflusst werden und weiterhin Sitte und Brauch, vor allen Dingen bei einem so hochgehaltenen Feste wie der Hochzeit, ungemein in Mitleidenschaft ziehen. Dazu kommt noch ein anderer Umstand.

Ausser der Völkerwanderung hat wohl keine geschichtliche Epoche das deutsche Volksleben so sehr beeinflusst, wie die mehrhundertjährigeu Kreuzzüge. Die hehre Begeisterung, der mittelalterlichen Kirche höchster Triumph, welche aus allen Gauen Deutschland die Kämpfer hinaustrieb zum sagenumwobenen Morgenlande, musste das Volksleben auf manchen Gebieten umbilden und verbijden, da die germanische Sitte durch orien- talische Anschauungen teilweise verdrängt wurde. Diese Behauptung' lässt sich auch für das Bergische, namentlich an der Hand seiner Sagen, deutlich nachweisen (Meine Bergischen Sagen, S. 406 u. a. a. 0.). Li die Ansichten über die Ehe und aller ihr anklebenden Vätersitte mischte sich vielfach die ürundverschiedone Auffassuno; des Orients.

Bergische Hochzeitsgebräuche. 39

Im Anfang des KI. Jahrliunderts fand dann die Ixetoi'iiiatioii willigen Eingang im Bergischen, um gegen den Ausgang desselben an manchen Orten wiederum durch die katholische Kirche verdrängt /u werden. Auch diese Zeit musste der Sitte des Volkes manchen Wechsel bringen. Schon der Umstand, dass dieser oder jener Brauch aus der Vorzeit von der evangelisch(Mi Kirche als ^.papistisch" angesehen wurde, war hinreichend, auf seine Abstellung zu dringen, um so mehr, als man nun guten Grund zu haben glaubte, dem „papistisch" noch ein „heidnisch" hinzuzufügen, wofür die Protokolle der evangelischen Konsistorien des Bergischen Landes ungezählte Beispiele erbringen. Die Kirche gelangte in dieser Zeit zu immer grösserer Herrschaft über das Volk, und mehr oder minder wnllig unterwarf sich dieses auch im Brauch der allmächtigen, nicht nur im (flauben.

Durch diese Ausführungen ist der Rahmen gezogen, den wir bei den weiteren Ausführungen beobachten müssen. Nach Arbeiten, wie z. B. von K. Weinhold (Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, Wien 1851, 3. Autl., Wien 1897), kanu es eben hier nicht unsere Aufgabe sein, auf die histo- rische Entwicklung der an der Hochzeit haftenden Anschauungen und Gebräuche auch nur im Bergischen einzugehen. Unsere knappen Dar- legungen sollen nur ein lokal begrenztes Gebiet ins Auge fassen, um Brauch und Sitte an dem ersten und höchsten Feste des menschlichen Lebens in diesem zu kennzeichnen.

Auch zeitlich muss diese Arbeit bedeutend eingeschränkt werden. Da die älteren historischen Quollen für unsere Gegend in der beregten Biclitung bis zum ausgehenden Mittelalter äusserst dürftig fliessen, dazu von dem oben genannten Altmeister in seiner noch immer klassischen Arbeit ziemlich erschöpfend für die Franken und Sachsen, die ehemaligen Bew^ohner des Bergischen ausgeschöpft wurden, so muss es uns genügen, der Entwicklung der Hochzeitsgebräuche im Bergischen nach der Zeit des Mittelalters, nicht zuletzt an der Hand der Volksüberlieferung, nachzugehen.

Wir haben es l)ei unserer Untersuchung nicht allein mit der Hochzeit an und für sich zu thun, sondern 'auch schon mit der Anbahnung des Liebesverhältnisses, das mit der Hochzeit seinen Abschluss findet. Hier nmss zunächst das „Gedöhn" hervorgehoben werden. Dieses findet nur im Herbste statt, wenn die Vorräte für den Winter eingekeltert werden. Xamentlich gilt dies vom Ptübstiel. Ist dieses so w^eit gediehen, dass ein- gemacht werden kann, dann ladet die Bäuerin oder die Frau des Kotsassen die Nachbarinnen ein, an einem bestimmten Nachmittage zum „3[uss- streppen" zu koiimien. Frauen und erwachsene Mädchen stellen sich dann ein, nuMstens mit einem scharfen „Zoppenmetz" versehen, und in eifrigem Schaffen verläuft der Nachmittag und Abend, ist letzterer etwas weiter vorgerückt, dann finden sich die Liebhaber der ^[ädchen, die Ehemänner der verheirateten Frauen ein, und fröhliche Ausgelassenheit mir Musik,

40 Schell:

gewürzt mit niauchem kräftigen Tranke, erfüllt das Haus, wie in den Spinustuben anderer Gegenden. Zu später Stunde begleitet der Bursche seine Angebetete heim, der er sich vielfach erst bei dieser Gelegenheit genähert hat. Ähnlich geht es zu bei dem Schälen der zu trocknenden Birnen, beim Einmachen der Bohnen u. s. w.

Zu den Gelegenheiten, welche eine ehrbare Annäherung der jungen Leute ermöglichen, gehört vor allen Dingen das Mailien (Mailehen), worüber sich K. Rademacher in der Zeitschrift des Bergischen Geschichts- vereins (XXII, 149) ausführlich verbreitet. Mit diesem etwas seltsamen Ausdruck ist die seit uralten Zeiten geübte Sitte der Versteigerung der heiratsfähigen Mädchen eines Dorfes unter den jungen Burscheu belegt, welch letzteren dadurch besondere Vorrechte im Liebeswerben um jene eingeräumt werden. Noch heute wird diese Sitte vor den Thoren der alten abteilichen Stadt Siegburg geübt, namentlich in der „Aulgasse" und „im Höupott". Im Siebengebirge giebt es einzelne Ortschaften, in welchen die Mailienversammlung damit schliesst, dass die Reijungen (heiratsfähigen Burschen) zu nächtlicher Weile auf einen mit Bäumen bestandenen Hügel hinausgehen imd die alten Maimädchen (Mailienen) in Form von Stroh- puppen verbrennen, durch welches Vorgehen sie alle Beziehungen zu den vormaligen Maimädchen abbrechen. Nach diesem Autodafe holt jeder Bursche im Walde für sein neues Maimädchen einen Maibaum oder ein Maibaumreis, welche unter lautem Jubel ins Dorf getragen und vor den Häusern der Maimädchen aufgestellt werden.

Diese in Deutschland ziemlich vereinzelt dastehende Sitte ^) dürfte bis in jene Zeit zurückzuführen sein, da unseren Altvordern nicht nur der Grund und Boden, auf dessen Besitz das Ansehen des freien Mannes in erster Linie fusste, gemeinsam war, sondern auch das verhältnismässig hochstehende AVeib, die verehrte Jungfrau, fast als Eigentum der Sippe, welche wieder im Gemarkenverbande aufging, augesehen wurde.

Das Aufstellen des Maibaumes vor dem Fenster der heimlich Ge- liebten zeigt auch in solchen Ortschaften, wo das förmliche Mailien ver- schollen ist oder vielleicht von jeher unbekannt war, der Dorfschönen die Liebe des betreffenden Burschen an. Früher wurde ein grosser, geschälter Stamm mit reichgeschmückter Krone aufgerichtet.

Neben dem j\[aireis, zu welchem schon der Maibaum meistens zusammen- geschmolzen ist, ist auch der Mägdepalm (vaccinium vitis idaea) ein Liebessymbol. Diesen stellte der Bursche, der unglücklich liebte, aus Fenster des Mädchens, um zu ei"kennen zu geben, dass er auf seinen Besitz nicht rechnen dürfe.

Aber noch in ganz anderer Form spielt das Pflanzenleben in das Liebesleben hinein: als Orakel. Ein scheinbar weit A'erbreitetes und bis

1) E. H. Meyer, Deutsche Volkskunde, S. IGl. Schmitz, Sitten und Biiiuche des Eifler Volkes, S. 48.

Bergische Hochzeitsgebräuclie. 4|

in unsere Zeit hinabreichendes Pflanzenoriikel liaftote am .loliaiiuiskraut (Secluin teli'phinm). Jun^■e Leute, die ein Liebesverliältnis angeknüpft hatten, suchten die Stärke und Dauer desselben dadurch zu ergrihuh'n, dass sie zwei Exempkre dieser Pflanze in eine alte flauer pflanzten. Wuchsen dieselben aufeinander zu, so l)ildete eine Heirat den Al)schluss des Verhältnisses (Am Urdsbruiinen, Jahrg'. 1SS2, Heft 6, S. 16).

Von den heimischen Blumen hat die Maassliebe (Bellis perennis) zu allen Zeiten hier zu Lande bei jüngeren Liebesleuten als Orakel gegolten. Man zupft ein Blatt nach dem anderen aus dem weissen Blütenstrahl und spricht dabei: Sie (Er) liebt mich von Herzen, mit Schmerzen, über alle ^laassen, kann von mir nicht lassen, ein wenig, gar nicht.

Ein jetzt unverstandenes Kiiulerspiel war zweifelsohne ehemals auch ein Orakel junger Mädchen, dazu bestimmt, den Stand ihres Zukünftigen zu erfahren. Kinder nehmen nämlich eine Blüte der weissen Wucherblunie (Chrysanthemum leucanthemum) und singen, indem sie eine weisse Strahleii- blüte nach der anderen auszupfen: Edelmann, Bedelmann. Kopmanii. Paschtuar, Schulder, Schuster, Dreckelsmajuar. Dieses wird so lange fort- gesetzt, bis keine Strahlen mehr vorhanden sind.

Li Neviges bedienten sich die Mädchen noch vor kurzem eines eigen- tümlichen Mittels, um einem sie umwerbenden Jünglinge »las Vergebliche seiner Bemühungen durch die Blume klar zu machen. JMan forderte ihn nämlich auf, Kartoffeln zu schälen.

War der Bursche der Liebe seiner Angebeteten gewiss, (hnin folgte der Kiltgang. d. h. Abendgang, im Bergischen Schlutgaui-- oder Schnuht- gang genannt, der Besuch des Liebchens in später Al)endstunde. Einst war diese Sitte wohl über g-anz Deutschland und noch weiter verbreitet (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, H, 59ff. , Weinhold, Deutsche Frauen, 1^, 237; über die universelle Seite dieser Sitte vgl. man Liebrecht, Zur Volkskunde, S. 378/79). zog sich dann aber auf einzelne Striche zurück und ist heute im Bergischeu wohl ganz ausgestorben. Fr. Chr. Fischer in seinen ,,Probenäcliten der deutschen J*)auernniädclien" schreibt über den Kiltgang im Jahre 1780: „Sobald sich ein Bauernmädchen seiner 3[ann- barkeit zu nähern anfängt, sobald findet es sich, nachdem es mehr oder weniger Vollkommenheit besitzt, die hier ungefähr im ähnlichen Verhält- nisse wie bei Frauenzimmern vom Stande g-eschätzt werden, von einer Anzahl Liebhaber umgeben, die so lange mit gleicher Geschäftigkeit um seine Neiuuno- buhlen, als sie nicht merken, dass einer unter ihnen der Glücklichere ist. Da verschwinden alle übrigen plötzlich, und der Liebling hat die Erlaubnis, seine Schöne des Xachts zu besuchen. Er würde aber den romantischen Wohlstand schlecht beobachten, wenn er den Weg geradezu durch die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfetiquette verlangt notwendig, dass er seine nächtlichen Besuche durch das Dachfenster bewerkstellige. Wie unsere ritterl)ürtigen Ahnen erst dann ihre Bomane glücklich gespielt

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Schell:

ZU haben glaubten, wenn sie bei ihren verliebten Zusammenkünften uner- steigliche Felsen hinanzuklettern und ungeheure Mauern herabzuspringen »ehabt, oder sich sonst den Weg mit tausend Wunden hatten erkämpfen müssen: ebenso ist der Bauerkerl nur dann mit dem Fortgange seines Liebesverhältnisses zuft'iedeu, wenn er bei jedem seiner nächtlichen Be- suche alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, den Hals zu brechen: oder wenn seine Gröttin, währenddem er zwischen Himmel und Erde in grösster Lebensgefahr dahängt. ihm aus ihrem Dachfenster herunter die bittersten Neckereien zuruft. Noch in seinen grauen Haaren erzählt er mit aller Be- o-eisteruno- diese Abenteuer seinen erstaunten Enkeln, die kaum ihre Mann- barkeit erwarten können, um auf eine ebenso heldenmütige Art zu lieben.

Diese mühsame Unternehmung verschafft anfangs dem Ijiebhaber keine anderen Vorteile, als dass er etliche Stunden mit seinem Mädchen plaudern darf, das sich um diese Zeit ganz angekleidet im Bette befindet und o-eo-en Verrätereien des Amors wohl verwahrt hält. Sobald sie eingeschlafen ist, so muss er sich plötzlich entfernen, und erst nach und nach werden ihre Unterhaltungen lebhafter. In der Folge giebt die Dirne ihrem Buhlen unter allerlei ländlichen Scherzen und Neckereien Gelegenheit, sich von ihren verborgenen Schönheiten eine Erkenntnis zu erwerben, lässt sich überhaupt von ihm in einer leichten Kleidung überraschen und gestattet ihm zuletzt alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer Manns- person befriedigen kann. Doch auch hier wird immer noch ein gewisses Stufenmass beobachtet, wovon mir aber das Detail anzugeben, die Zärt- lichkeit des heutigen Wohlstandes verbietet. Man kann indes vieles aus der Benennung Probenächte erraten, welchen die letzteren Zusammenkünfte haben, da die ersteren eigentlich Kommnächte heissen."

Als sich später die Sitte verfeinerte, durfte das Mädchen nur das Fenster öffnen, um mit ihrem Burschen zu plaudern. Dass aber die von Fischer geschilderte Art und Weise des Empfanges auch hier üblich war., geht zur Genüge aus einem Volksrätsel des Bergischen hervor:

Wenn die Laden werden zugeschlagen,

Und die Toten über die Lebendigen jagen,

Nehm' ich mein Leiterlein,

Steig' ich zum Fenster hinein.

Zu meinem Mädel hinein. (Vgl. Urquell I, 132.)

Auch folgender Rest eines alten Volksliedes bestätigt diese Ansicht:

Gf.'stern owend em halver tian Wost nitt, wat do drinnen wor?

Wor sonnen freschen Mondensehin; Kien, klen Briofken.

Geng t;ck en 's an die Pompe, Wost nitt, wat do droppen stong?

Fial (;ck m§ck öwer en Klompen. Bocksenlappen, Hösenstoppen

Resteväder seit m(;ck. Dont de aulen Wiwer.

Hat son ruad Röcksken an, Fenster stigen, Jongfern krigen

Wost nitt, wat do dronger wör? Dont de Jonggesellen.

Kien, klen Körfken.

Belgische Hochzeitsgebräuche. 43

Ein solches Lied sang-, wie mir eine (I reisin oft er/.älilfe, in ihrer .higend ein Donipfatf:

Weisst, dass nieia Schiitzlein bist, Weisst, dass mein Schätzlein bist? Komm' bei der Nacht, komm' bei der Xacht, Brinfj^ mir Bescheid.

Noch bis zur Mitte unseres Jahrhunch'rts war in einigen Gegenden selltst in der Nähe der grossen Wnpperthalstädte dieser Brauch bekannt.

Aber auch in anderer Weise war der Kiltgaug für den Burschen nicht ohne Gefahr. Wohnte er in einem anderen Dorfe, auf einem etwas ent- fernten Gehöfte, welches nicht zur Xachbarschaft gehörte, dann konnte er auf eine gründliche Tracht Prügel seitens der Burschen in dem Ort, wo seine Angebetete wohnte, gefasst sein, falls er seine Gegner nicht zu über- listen vermochte, wozu natürlich seine Schöne die hilfreiche Hand bot. Diesen vermeintlichen Grund zu einer Kauferei lässt man sich noch heute vielfach nicht entgehen. Die Mispel, des Bauern Stolz (ein Stock der ]Mispel, unten dick und mit starker Zwinge versehen, oben dünn, mit kleinem Knopf, an festem Lederriemen gehalten), spielte dabei eine ge- wichtige Rolle.

Montanus (Die deutschen Volksfeste, S. 101) l)erichtet, «lass die Zeit des nächtlichen Besuches nie vor Mitternacht und nie bis zum ersten Hahnenruf gewährt worden sei. Auch redet er von Schnuhtenliedern, wovon das oben augeführte ein Rest sein mag.

Zu junge Burschen wurden auf die empfindlichste W^eise abgestraft, wenn sie ein Liebesverhältnis ansponnen. Dazu bemerkt ]\Iojitanns: „VAn Jüngling unter 20 Jahren durfte sich abends ohne Prügelgefahr nicht vor die Thüre wagen. Das Schnuhtholz traf ihn unbarmherzig. Wurde er ergriffen, so beraubte man ihn eines gewissen Kleidungsstückes, stopfte es mit Heu aus und hing es ansichtig hoch an einen Banm. Wer dies Spott- zeichen wegnahm, zog sich allgemeine Rache der Burschen auf den Hals. Auch von den Mädchen wurde der zu jugendliche Freier verhöhnt. Bei irgend einer festlichen Gelegenheit wurde ihm eine mit Schmierkäse stark bestrichene Schwarzbrotschnitte (Kiesbröck) überreicht, und er musste diese nnter allgemeinem Hohngelächter der mutwilligen Schar verzehren.

Bis zur Stunde ist es in der Kreisstadt Mettmann noch üblich, dass man zur Herbstzeit, wenn Rübstiide eingemacht werden, den Abfall des Gemüses vor die Thür eines Mädchens oder eines Burschen streut, die sich bei Anbahnnng eines Verkehrs mit dem andert'u Geschlecht zu viel Freiheiten herausnahmen und nicht den althergebrachten strengen Sitten treu blie))en.

Einem von seinem Burschen verlassenen Mädchen oder einem Burschen, dem sein Schatz untreu wurde, stellt man in .Mettniann einen bekleideten Strohmann oder eine Strohfrau hinter das Haus. Das besorgen die um

44

Schell:

das Yerhältnis wissenden jungen I.eut-e und zwar mit der grössten Heim- lichkeit. Auch im ehemaligen Amt Steinbach setzt man dem getäuschten Freier eine Strohfrau vors Fenster des Schlafzimmers oder au die Haus- thüre.

Die höchste Strafe für Vergehen gegen die gute Volkssitte war das sogenannte Tierjagen. Es dürfte kaum eine Gegend des Bergischeu zu finden sein, wo nicht diese Sitte, auch „Austrommeln" genannt, geübt wurde. Selbst in den grossen Industriestädten Elberfeld und Barmen hat sich dieser Brauch bis heute erhalten, und kaum vergeht ein Jahr, dass nicht hier oder dort der Spektakel losgeht, dem die Polizei meist machtlos gegenübersteht. Der betreffende Übelthäter meist sind es Männer und juno-e Burschen ist bekaunt. Am Abend versammelt sich Gross und Klein vor seiner Wohnung und beginnt einen ohrzerreissenden Lärm mit Pfeifen, Johlen und Bearbeiten der verschiedenartigsten Blechinstrumente. Stundenlang wird der Lärm fortgesetzt. Das geschieht an drei aufeinander- folü-enden Abenden. An eine bestimmte Jahreszeit ist die Ausübung dieses Brauches nicht gebunden, ebensowenig an gewisse Wochentage. Geübt wird er meistens gegen Männer, welche ihre Frauen geschlagen oder das sechste Gebot übertreten haben.

Früher wurden dem armen Sünder auch in derben Knittelversen seine

Verbrechen vorgehalten. Solehe Verse lauteten:

Hört, ihr Leute! ich will euch was sagen,

Der Spass-Pitter hat das Fraumensch vernagelt;

He het et em Ferkesstall yerneit.

Bewahret das Feuer und das Licht,

Dass dem Spass-Pitter kein Unglück geschieht.

In dem vorliegenden konkreten Falle hatte sich der „Spass-Pitter'' mit der Frau eines Nachbars im Schweinestall vergangen. Eine andere solche Strophe lautet:

Der N. N. hat seine Frau geschlagen.

Das wollen wir dem Richter klagen.

Der Richter dacht' in seinem Sinn: In der Frau, da steckt der Teufel drin.

Auf das. w^as Montanus (Die deutschen Volksfeste, S. 95 ff.) darüber schreibt, sei hier nur verwiesen.

Über die Art und Weise des Tierjagens im Amt Steinbach folge ich einer Mitteilung aus dem Anfang der sechziger Jahre, welche lautet: „Das früher übliche Tierjagen war dem Haberfeldtreiben, welches die bayerische Regierung vor einigen Jahren unterdrückt hat ( ? der Verf.) sehr ähnlich. Verl)recherische, besonders ehebrecherische Liebschaft war die Veranlassung. Wenn der Attentäter gerade in dem betreffenden Hause war, wurde es ])lötzlicli von einer grossen Schar umstellt. Es wurde sogleich ein Höllen-

Bergische Hochzeitsgebräuche. 45

länn gemacht mit Schreien, ]\ut'oii und allerh;iii(l Insti-iunenten, Avodurch noch mehr Menschen lierbeigernfcn wurden. Xnclideni sich der Lärm gelegt, wurden die erschreckten und hestürzten Ühelthäter aufgefordert, herauszukommen; wurde keine Folge geleistet, so fing man an, Schlagladen und Thiiren, Fenster und Wäude einzusehlagen. Mittels Rauch und Gewalt wurden sie aus dem Hause getrieben uiul nun gejagt, gestossen und ge- schleift, bis man sie in eiuer ]\listjauche oder in einem AVeiher hatte; es ging aber nicht ums Leben."

Ähnlich berichtet Krnst Weyden („Das SiegthaL' u. s. w.. Bonn 1865) von der Sieg: „Auch üben die Burschen noch zuweilen in den G<Mueinden die altherkömmliche A'olksjustiz des „Tierjagens" wider Ehemänner, die nicht allzu zärtlich gegen ihre Ehehälften sind. Mit allen nur denkbaren lärm- machenden Instrumenten ziehen die Burschen in der Nacht vor die Wohnung des zu Züchtigenden. Je toller das Peitschengeknalle, das Kettengerassel, das Schallen der Pfannen und Kessel, je ungestümer das Heulen und Toben und Brüllen, als wenn das wilde Heer im Anzüge, um so grösser ist das Vergnügen, von dem aber die Ortspolizei nichts wissen will" (vgl. meine Abhandlung: Beiträge zur Volksjustiz im Bergischen im Urquell, N. F. II, S. •2-22 ff.;.

Auch die Mainacht gab den Burscheu eine erwünschte (Jelegenheir, mit der althergebrachten Volksjustiz in das Liebeslel)en der jungen Welt einzugreifen. „Die Freier stellen dann grüne, mit Blumen und Bändern geschmückte Maibuchenzweige vor dem Hause der Liebsten auf, die am anderen Morgen mit ilem sogenannten Kümpchen, einem metartigen Breie von Honigwasser, Lebkuchen, Rosinen und Anisbranntweiu lohnt. Dem bescholteuen Weibsbild wird dann aber ein Kirschbaumreis als Zeichen der Zuchtlosigkeit vor die Thüre gestellt und die Schwelle mit Häcksel bestreut."

Den Abschluss des mehr heimlich gepflegten Liebesverhältnisses bildet lue Verlobung. Ein Fürsprecher wie in Westfalen und vielen anderen Gegenden ist wenigstens seit langer Zeit im ehemaligen Bergischen nicht mehr Ijekannt. Doch muss in den vornehmsten Kreisen der Bevölkerung einst ein solcher bekannt gewesen sein. Bei fürstlichen Verlobungen geschah die Werbung, namentlich bei einer Braut, die ausserhalb des Landes wolmte, ausschliesslich durch Gesandte wie allerwärts. So war es auch bei Johann Wilhelm, dem letzten Herzog aus bergischem (Jeschlecht, der Fall, als für ihn um Jakobe von Baden am bayerischen Hofe zu München o-ew^orbeu wurde. Doch Hess es sich Johann Wilhcdm nicht nehmeu, sich verkleidet unter die Gesandtschaft zu mischen uml eine geheime Braut- schau im Schlosse Dachau vorzunehmen, wie es beispielsweise schon der langobardische König Authari gethan, als er um die bayerische Herzogs- tochter Theudlind werben Hess.

46 Schell:

Die Frage des sogenannten Brautkaufs braucht uns hier nicht weiter zu beschäftigen, da derselbe für unseren Landstrich seit langer Zeit nicht mehr nachweisbar ist. Einen Rest des alten Brautkaufs darf man aber in der Übergabe einer Geldsumme bei der Yerlobung erblicken. Darüber meldet das ref. Kous.-Prot. zu Elberfeld am -J. Dezbr. 1675: „Johann Püttmann, AA'eber auf Arndhauseu, hat Metteken aus der Beek, Wittib Peters auf der Null, citieren lassen, vorgebend, dass dieselbe sich ehelich mit ihm verlobt habe, 2. darauf einen Treupfennig von ihm angenommen habe." Derselben Quelle entstammt eine Mitteilung vom 22. August 1G91, welche darauf schliessen lässt, dass der Treupfennig eine bedeutendere Geldsumme war. Zu jener Zeit war es Sitte, dass die Yerlobung durch eine solenne Mahlzeit gefeiert wurde (Ref. Kons.-Prot. vom 12,/XI. 1704). Im Jahre 1727 wird in einem Falle die Höhe des Treugeldes mit 20 Thlr. verzeichnet, und 1704 wird ein Heiratspfennig von 300 Thlr. angeführt.

Die Yerlobung wurde in Elberfeld vordem das „Brautfiechten" genannt. Bouterwek (Geschichte der Lateinischen Schule zu Elberfeld, S. 157) be- merkt zu der Bedeutung dieses Wortes: ,,Das Wort Brautflechten, Braut- plechten ist niederdeutscli und hat zunächst mit flechten, plectere, nichts zu thun, wohl aber mit Pflicht, Yerpflichtung." In dem Protokoll der reformierten Gemeinde zu Elberfeld heisst es am 6. Novln'. 1679: „Weil angehende Hochzeiter den Brauch haben, dass am Sonntag zum Braut- flechten auch sonsten andere Personen, sowohl Eheleute als ledige Personen, W^eck und Milch zu essen häufig hinauslaufen, und dadurch den Gottes- dienst versäumen, und den Sabbath entheiligen, soll solches sowohl als auch anderes sonntägliches Zechen von der Kanzel ernstlich bestraft und verboten werden." Die oftmalige Wiederholung dieses Yerbotes bürgt für die feste Einbürgerung des Brauches.

An die Stelle der Yerlobung trat später im Bergischen der Hillich, Hilich, Hiling, Hileng etc. Das Wort ist aus dem altem hileich. Heirat- gesang (Weinhold, Deutsche Frauen, 1^ 375), entstanden.^)

Aus rein praktischen Erwägungen wird der Hileng heute meist auf den der Einschreibung folgenden Sonnabend verlegt. Der eigentliche Hilengstag ist aber der Proklamationstag selbst. Auf dem Lande ist diese Sitte noch jetzt weit verbreitet, in den Städten aber bereits ganz verdrängt. Die Yerlobungskarte war hier ihr Scheidebrief. Drei Wochen vor der Hochzeit fand in Kronenberg früher der Hiling statt und zwar an dem Abend des Tages, an dem sich das Brautpaar zur Proklamation angemeldet hatte. Während die Hilingslader mit Bändern und Blumen geschmückt von Ort zu Ort zogen, hier und dort vor einem Hause ein Pistol los- brannten, wurde an dem Hause der Braut den ganzen Tag über aus

1) Eine eingehendere sprachliche Untersuchung dieses Wortes stellt Leithäuser in der Monatsschrift des Bergischen Geschichtsvereins III, 132 an.

Bergische Hochzeitsgebräuche. 47

Gewichtsteinen geschossen. Letzteres ist noch üblicli. Am Abend Itegaini die Feier im Hause der Braut oder in einem Saah'. Es folgte dann nur die Jugeml dem Ton einer Musikka])olle abgeholten Brautpaare zum Fostlokale. Durchweg herrschte bei diesem Feste eine ausgelassene Lustigkeit, bei welcher eine gründliche Zecherei, das Absingen heiterer Lieder (entsprechend der Wortbedeutung „Brautgesang"), Scherzreden u. s.w. di(» Han]itmerkmale bildeten und teilweise noch bilden.

AVie es bei einer „Hiling" zugeht, schilderte neulich eine Frau ihrem im Gefängnis sitzenden Mann: „Am Sonnabend war die Hiling des Fer- dinand Y. mit Helene V., und ich war auch da; schade, dass du fehlen musstest. Es wurden 200 Liter Bier und 50 Liter Schnaps gegeben. Die Flasche wurde immer von zwei Leuten getragen. Sämtliche Feilenhauer haben den ganzen Tag nicht gearbeitet, und zwei Fabriken mussten schliessen: ja schon am Freitag Abend wurde das Fest begonnen. Die Musik spielte die ganze Nacht und Sonntag morgens 4 Uhr zogen sie alle zu 0. ins Lokal, und um 6 gingen sie auseinander. Das Brautpaar hatte 60 Mark gegeben."

Es konnte nicht ausbleiben, dass auch der Hiling schon bald der Staatsgewalt zum Einschreiten Anlass bot. Das erste bezügliche Verbot der bergischen Regierung trägt das Datum des 13. Januar 1708 (Scotti, Gesetze und Verordnungen für Jülich, Kleve und Berg I, No. 1031, nur angedeutet). Kurfürst Johann Wilhelm, der selbst überaus glanzvolle Feste feierte, untersagte somit dem Volke einen alten Festbrauch, der allerdings auch schon damals oft über das Mass des Erlaubten hinausgehen mochte. Karl Theodor (1742 1799), jenem Fürsten in mehr als einer Beziehung ähnlich, wiederholte am 30. August 1793 dieses Verbot: .... „sondern dass auch bei denen Hochzeiten und zu gleichmässigen Aus- schweifungen und Verschwendungen Anlass gebende Geb-Essen, und nebst diesen auf den Tag nach dem ersten Kirchen-Ruf. sogenannte Hielingen eingeschlichen seien, bei welchen Tag und Nacht geschwelget ...."■

Hier muss einer Sitte gedacht werden, welche sich nach der Mitteilung Merkens (seine handschriftliche Chronik befindet sich in der Bibliothek des Bergischen Geschichtsvereins zu Elberfeld) um die Mitte des IS. Jahrh. in Elberfeld eingebürgert hatte. Demnach fanden sich am Tage nach der ersten Proklamierung im Hause der Braut oder auch in einer Mietsstube „alle bekannten Söhne und Töchter" ein und brachten eine Gabe. Als Gegengabe verehrten Braut und Bräutigam Bluraensträusse, welche mit Seidenbändern verziert waren und auf der Brust getragen wurden. Daim fand eine „trockne Mahlzeit" unter dem Schalle der Trompeten und anderer Listrumente statt, wobei Stuten, Bretzeln, Bier. Branntwein mit Korinthen u. s. w. (Branntwein -Kaltschale, deren Gedächtnis im Kirclispiel noch nicht ganz entschwunden ist) gereicht wurden. Nach der Mahlzeit folgte

48 Eebsener:

der Tanz, von Braut und Bräutigam eröffnet, welcher sich bis Mitternacht hinzog. Das war die „Brautverlobung".

Es ist sofort ersichtlich, dass diese Gepflogenheit nur in den ersten Familien der Stadt Eingang gefunden hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Von den Tieren und ilirem Nntzen nach Gossensasser

Meinung.

Von Marie Rehsener.

„Alle Tiere sind dem Menschen zu einem Nutzen erschaffen."

Das wollte einer, <ler die Spinnen und Fliegen nicht leiden konnte, von diesen nicht glauben. Der Mann hatte einen Feind. Einmal schlief er auf dem Felde, als eine Fliege ihn stach. Er erwachte, sah seinen Feind kommen und konnte noch entfliehen. Da floh er in eine Höhle, und eine Spinne spann ihr Netz davor. Der Feind kam, sah das Spinnen- netz, dachte, da ist niemand drin und ging vorüber. Seitdem wusste es der Mann, dass auch Fliegen und Spinnen zu einem Nutzen da sind.

Wenn man eine Kreuzspinne tötet, bringt es dem Hause Unglück. Die Bäuerin wirft die grossen Spinnen zum Fenster hinaus, aber sie .sagt: „Den nächsten Morgen sind sie wieder in ihrem Eck. Sie müssen ihre Hoamit (Heimat) kennen! Die Beidn (Bienen), das Kunter, hat mich allm (allwegen, immer) erbarmt, wenn wir im Hörbist beim Honigausnehmen mehrere Star^) voll Toter aussn trugen. Die Flöhe aber, das ist ein ver- suchtes^) Yiech!"

Wie nützlich einzelne Tiere sind, sprach jener starke Bauer, der Hoch- Gnainer, aus, der den Riesen in Wildau^) bei Innsbruck bezwungen hatte. Befragt, woher er die Kraft habe, antwortete er: „Von Kühpech und den Heuschrecklern, die über den Zaun hupfen von Kuhbutter und den Hirschen."

Die Haustiere zahlen (bezahlen, was man ihnen Gutes thut).

Die Kühe, ja, das ist ein feines Viech!

1) Ein grosses Kommass, ^s Wiener Metzen: ital. staro, sextarius.

2) Sie sagen versucht, um nicht verflucht auszusprechen. Auch von üblen Menschen wird (las Wort so verändert gebraucht.

3) Der Riese Haymon in Wilteu: Zingerle, Sagen '^ aus Tirol, S. 128. (i20.

Von den Tieren und ilireni Nutzen nach Gossensassor Meinun«,'. 49

Mail giebt ihnen Namen, meistens nach der Farlie: Schneelte heisst die weisse Kuh, Falbe die gelbliche; Mause ist eine mausgraue, Brüunele (braune), Xusse, Käschte (nuss- oder kastanienbraune), Kohle, Kühlele (schwarze), Fuchs (rote), K ersehe (kirschrote) und Kickler (weiss und rote). Weitere Xamen sind Stocke. Glicke und Nelle.

Sorgfältig wird aus Heu, Grrummer, Bofl, Klee, Eschenlaub und khiinen Ruebn der Pusohn für sie zureclitgemacht. Yon Klee und Rüben nicht zu viel, sonst derschnellen (platzen) die Kühe. Marbl macht sie viel Milch geben und Straubn (isländisch Moos) bessere Milch. AVieviel sein ehnder (früher) deshalb Gras- und Straubenweiber gegangen S bis 10 zusammen hoch auf die Berge! Schön hergerichtet die vollen Körbe kamen sie herab.

Die Milch ist (wie) eine noble Frau; sie will es akrat und reinlich.^) In einer dämmigen (feuchten) Stube hat sie in drei Tagen einen Rock (Schimmel), ebenso der Butter, der ist in drei Tagen mit Wolle über- zogen, wenn der Kellerkasten (Kellerschrank) keine Luftlöcher hat: es erstickt alles.

Im Stalle lässt man nicht gern eine Kuh allein stehen, sie hat es zu kalt und verliert den Humor. Ja, eine ist hinworden, weil sie keinen „Hamur" mehr gehabt hat.

Den Heu- und den Erntew^agen muss sie ziehen, aber die ganze Bauernfaniilie hilft scliieben. Wenn die Kuh emört (vorher und von selbst), nicht zieht, soll man sie nicht schlagen, denn es laufen ihr die Poppein (Thränen) herab. ^) Aber findet man im Stall zwei Rinder mit einer Kette ineinander verwickelt, muss man mit der Mistgabel kreuzweis drauf- schlagen, da gehen sie auseinander; man trifft nicht das Vieh, sondern den Xork (Zwerg), der die Bosheit gethan hat. Das Kalb führt man zum Trinken zur Kuh'); aber saugt es noch, wenn es nicht mehr soll, so erhält es einen Korb mit Stacheln ums Maul gebunden, dass die Kuh vor ihm flieht, wenn es saugen will. Eine Kuh, die nicht mehr trächtig wird, heisst ein G altling.

Die alten Kühe verstehen alles, was man redet, daher ruft die Bäuerin der ihrigen, wenn sie liänt (schreit), wohl zu: Still ]Mause, ich weiss, dass du Hunger hast, ich kimm geschwind!

Die Ochsen bekommen keine Namen.

Für sie giebt es das Horu- oder Halsjoch, auch Kampen genannt. Mit einem Joch für ein Paar sollen sie schwerere Lasten ziehen; es peinigt sie aber auch, wenn die Fliegen sie beissen, dass sie die Köpfe nicht frei

1) Unsre Zeitschrift III, 47.

2) Über das Weinen der Kühe unsre Zeitschrift IV, 123.

3) In Pümmern -werden die Kälber gleich nach der Geburt der Mutter fortgenommen und erhalten gemolkene Milch.

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1900. 4

50

Rehsener:

bewegen können. Wie ein Ochsenknecht nicht sterben nnd ein anderer nach dem Tode nicht Ruhe finden konnte, der die Ochsen zu sehr ge- schlagen hatte, ist früher erzählt worden.

Hornjoch für zwei Ochsen.

Der Stier ist der Stier. Zu \Yeihnachten redet er.

Ein Bauer hatte sich in die Barn (Kuhkrippe) versteckt, um ilm reden zu hören. Als es 12 Uhr schlug, sprach der Stier: „Dös Bloch ins Loch! Wir führen (fahren) ihn in drei Tagen ins Loch." Nach zwei Tagen war der Bauer tot. Und den dritten Tag fuhr ihn der Stier zu Grabe. ^) Damals wurden die Toten noch mit A'ieh geführt. Der Stier wird es nicht gesagt haben, sondern ein unsichtbares Wesen zur Strafe, weil der Bauer 80 wunderle (neugierig) war.

Die Kraft des Stieres dient zur Bezeichnung der Stärke, z. B. eines Sturmes. Der Wind geht wie ein Stier.

Neulich war ein Ochse auf dem Brenner sovl krank, dass er nicht mehr den Starz (Schwanz) rühren konnte. „Wird er nicht im letzten Augenblicke vom Metzger geschlachtet und sein krankes Fleisch verkauft werden?" fragten wir: doch ein Besserer (Angesehener) aus dem Dorfe antwortete: „So etwas kann wohl in Städten geschehen, hier, wo jeder den Metzger kennt, nicht. Wenn ein Stück Vieh in einer charaktervollen Familie geschlachtet ist, kann man das Fleisch ruhig essen ^)."

Vom Almenleben sieh unsere Zeitschrift IV, 119.

Hier nur einiges zur Ergänzung.

Ein Hirte hat geflucht, wenn die Kühe bei Seite aus sein gangen (vom Wege ab) er hätte gern gelegen und gefaulenzt. Da sah er mittelt in den Kühen eine ganz rote. Erst hat er gedenkt: so eine Kuh hab ich koane nicht, und dann hat er die Kühe gezählt. Eine war zu

1) Verbreitete Sage. Wuttke, D. Volksaberglaube, § 75 77.

•2) Manche Leute essen auch Katzen und Hunde. Die Katz giebt gar ein gutes Bratl. Das Fleisch des Hundes gilt als Heilmittel gegen die Schwindsucht.

Von den Tieren und ihrem Nutzen nach Gossensasser Meinung. 51

Tiel. Da ist er gelaufen und die rote ihm naoli. Sie hat sich verwandelt und es war der Tuifel. Zum Widuni (Pfarrliaus) ist der Ifirte zugelaufen und hat grad noch die Tliür erwischt. Der Pfarrer hat ihn wohl noch davongebracht (gerettet); aber geflucht hat er nicht wieder.

Einem andern, der beim Hüten auch geflucht hat, und wie er auf die Köfel (abschüssige Felsen) kenimen, g'juhzt, sind Haufen Rap]>en (Raben) gekommen und haben ihn wollen bei Wand' üerstossen. Er hat Unsere Fraun angerufen und den heiligen Josef und da sind die Rappen derflogen.

Wenn die Hirten von den Almen oerfahren, ziehen die Geister der Verstorbenen dort ein^). Einmal sind die Sennen von der Falming herab- gezogen, aber einer hatte seinen Tabaksbeutel vergessen und ist umgekehrt. Er ist nur bis Luke (einem Zaun, dessen Stecken sicli <iuf- und zuschieben lassen) kenmien. wo mau nach den Käsern^) einsieht, da hat er oben alles voll Vieh und Leut gesehen und alles ist durcheinander gelaufen und ein Werken (eifriges Arbeiten) ist gewesen. Die Geister derer, die dort früher gehütet haben und auch das Vieh hat er gesehen. Nötig hat's der Hirt gehabt ganz schrecklich! Den Tabaksbeutel hat er lassen Tabaksbeutel sein und ist mehr durch. (Forchner Liese.)

Wenn die Kühe w^ässwo ochn (weit hinauf) in den Wald gehen, giebt .es gutes Wetter.

Diesen Herbst ist es kalt, gefroren ist es, steif wie ein Bock! Wenn das Wetter so bleibt, werden die Kühe wohl von ihren Gipfler öersteigen (von ihrem hohen Preise heruntergehen), befürchtete ein Bauer. Ein Stück Vieh muss ein Bauer im Jahr zügeln und verkaufen, sonst kommt ■er nicht durch mit Steuerzahlen und anderen Ausgaben.

Wie es aber anzusehen wäre, wenn jemand mehr Xutzeu aus einer Sache ziehen möchte, als es naturgemäss möglich, darüber giebt folgende Erzählung Aufschluss.

Eine Frau butterte und sagte immer vor sich hin: Dreissig sollen es sein! dreissig sollen es sein! Als sie fertig war, hatte sie einen sehr grossen Butterknollen, wohl oO Pfund sclnver. Über letzteren, da sie nur zwei Kühe besass. verwunderte sich ein Schneider, der bei ihr arbeitete. Auch hatte er gesehen, dass sie einen Rosenkranz und noch andere Dinge mit dem Rahm ins Fass gethan hatte. Als die Frau hinausgegangen war, stahl er ihr die bewussten Gegenstände, um aucli etwas damit zu ver- suchen. Zu Hause that er sie auch in sein Butterfass uiul brachte mit Rahmschlagen viel mehr zusammen, als es abgeben konnte. Da klopfte es an die Thüre und ein Mann, der wie ein reisender Handwerksbursche aussah, trat ein. kam auf den Schneider zu, hielt ihm eine Schrift hin unil sagte: „Du, wenn du die Arlieit weiter treiben willst, musst du dich da

1) über die Kasermanneln, Zingerle, Sasen"'', S. 8(jf. 611. i') Ahnliütteii. in denen Käse bereitet wird.

52 Eehsener:

erst unterschreiben." Der Schneider erschrak lieftig, denn er wusste es wohl, dass es der Teixl war, der mit ihm sprach und gab schleunig die Gegenstände zurück.

Bei den Goasen (Ziegen) sind die Pöppeler (Pupillen) des Morgens gross, mittags klein und abends nur Schnoatele (fein wie Messerschneiden). Über die Kitz (jungen Ziegen) geht es am gransamsten her. Von allem Vieh werden diese am häufigsten geschlachtet. Die wenigen, welche man aufzieht, treibt sommers der Goaser mit der Herde in den Wald. Der Baumbart macht die Ziegen fett. AVenn sie abends sich niederlegen, als wollten sie draussen bleiben und nicht zurück in den Stall, giebt es ein Gewitter.

Das Pfeifer-Huisele ^) auf dem Brenner fährt auf einem Geissbock herab, wenn die Güsse kommt und Gräben aufreisst. Das Hexenmännle, was überall ist, hat auch in Eidnaun bei Sterzing mit einem weissen Geissbock^) Schnee ziehen wollen, dass die Lane (Lawine) ginge.

Im geschützten Pflerschthal, auf der Sonnenseite, werden die Ziegen im Herbst in die Berge getrieben und bleiben ohne Hirten den ganzen Winter in der Weite.

Die Goase bleckern (blöken).

Ein origineller Yergleich, zu dem sie dienten, ist folgender: Schlimmer wird es für einen Trinker nicht sein, wenn er den Wein lassen soll, als weini ein Kitz von der Goas og'spönt (abgewöhnt) wird.

Wie die Schafe im Yorfrühlinge in den Bergen leben s. unsre Zeit- schrift IV, 113. Im Langis (Frühling) findet jeder Bock eine Alm. Auch auf Dienende angewendet, die dann Stellen suchen; denn Arbeit giebt es überall.

Einmal hat ein Schäfer 100 Schafe gehabt und sie über einen Steg, der 100 Meilen lang war, ein jedes einzeln, bringen sollen. Er ist noch nicht mit allen unten.

Ein alter Bauer musste um einen Gstraun (Schöps, Hammel) gehen. Er ging die Köfel in die Höhe nach Tschaupis (über den Brennerweg). Hat er den Gstraun gehabt und er ihn umgestossen? ich weiss es nicht; aber er ist oerkugelt und erst in der ^N^acht heimkommen. Ausgeschaut hat sein Gesicht wie unser Herr am Kreuz (so elend und blutig). Der Tschucke, der etwas von Krankheit versteht, hat hinauf müssen, sehen, ob dem Manne etwas fehle. Wenn ihm in und um (innen und aussen) nichts fehlt, sollen sie Gott danken.

Die Schafwolle wird jetzt in die Lodenfabrik nach Innsbruck gebracht und dafür fertig-es Zeuo: eino-etanscht.

1) Vgl. unsre Zeitschrift I, 423.

2) Die Böcke bedeuten wohl Regen und Schnee.

Vou den Tieren und ihrem Nutzen nacli Gossensasser Meinung. 53

Sind erst vier Leute von gleichem Taufnamen in einem Hause, mag man anheben, einen Fakenstall (Schweinestall) zu l)auen. Dann sind viele da, es wird viel gebraucht und bleibt auch viel zur Mästung übrig.

Der Fäcken ist Ihnen doch das Liebste, sagte ich scherzend zu einer jungen Magd. „Der ist mein Bueb!" antwortete sie und kraulte das Tier auf Kopf und Rücken.

Es ist gut, wenn die Schwenie hinauskommen, dann arbeiten sie sich müde und thun sich ausranzen (sich recken und die Glieder strecken) und dann gedeihen sie. AVenn eine Muttersau sich niederlegt, giebt es ein grosses (ielaufe, weil jedes „Huisterle" seine Dutte (Zitze) hat. Hat eine Sau weniger Dutten als Ferkel, müssen die überzähligen aufgefüttert werden. Die Bitschen Geschnittenen die an der Brust gesogen, sind die kräftigsten. Ber heissen die männlichen Schweine, Xunnen die verschnittenen weiblichen. Diese thun nicht wichern.

Ein paar Schafe oder ein Schwein werden vor AA'eihnachten geschlachtet. Auf das essende (zu essende) Zeug muss man Ol »acht geben, die Speck- seiten im Rauch nachsehen „wo Speck unganz ist, kommen die Würmer hin".

Selten findet man noch bei den Bauern am Brenner, seitdem die Eisenbahn gebaut ist, ein Ross; um so sehnlicher erwartet ein jeder im Spätherbst den Schimmel (ausgiebigen Schnee), der ihm Holz und Heu von den Bergen herabbringen hilft. Aus der Zeit der Schneenot stnmmt vielleicht auch der Ausruf:

0 Himmel! war ich im Himmel!

Hätt' ich einen Schimmel,

Thüt ich oerroiten auf die Welt!

Der Metzger -Yater hatte ein Ross und der Tschucke -Vater einen Esel, die wurden oft zusammengespannt, von der Lente Holz zu holen. Dort, unterhalb der Bahnstation, war früher eine Köhlerei und rund herum eine Wiese mit einem Gatterle. Das hat sich der Esel mit der Eotzen (Schnauze) aufgemacht und ist dann das Gras fressen gegangen. Einmal machte er es wieder so, aber das Gatterle schlug hinter ihm zu und das Ross, welches nach wollte, konnte es nicht. Da hat der Esel dem Ross das Gatterle aufgethan und so lange gehebt (aufgehalten), bis es durch war.

Auch noch mehr hat er angestellt. Man hat angefangen zu reden, auf dem Freithof war es nicht mehr richtig, es ging nachts dort einer um. Ein Gänsbichler war im \\'irtshaus gewesen, hatte tüchtig getrunken und ging über den Freithof heim. Da sah er auf dem Wege eine dunkle Masse liegen und erschrak; aber nachher nahm er sich zusammen und rief: „Ist es, was es ist, vorwärts!" und er ging voran. Er sah den Tschucke- Esel, der sich am hohen Friedhofsgrase vollgefressen hatte und ruhte.

54 Eehsener:

Das Ross wird zum Wasserln (Tränken) au eleu Bruunen geführt; es juchzt (wiehert).

Weil der Esel zu lauge Ohreu hat, bezeichuet mau mit der Hiuzu- uahme des Wortes Esel zu eiuem audereu etwas Übermässiges, Über- triebeues, z. B. sagt man Eselsgeld, weuu bei eiuem Kaufe zu viel verlangt wird, Eselsfuir, wenn für weuig Bedarf zu grosses Feuer gemacht ist.

Für Hund und Katze hat ünsre Frauen gebeten, dass mau ihnen etwas gäbe.

Der Hund ist das einzige Tier, welches dem Menschen zugeht, alle anderen gehen von ihm fort. Wir hörten die Xanien: Fussl, Kranzl, Welle, Flocker, Moor, Neger, Berlin, Schweizer; Wolf, Wodan, Schnofele^ Lips (im Hotel).

Zum Hüten ist der Hund im Gebirge nicht zu gebrauchen, er könnte das Yieh erschrecken und dieses von den gefährlichen Wegen abstürzen. Der Hund sucht dem Menschen das Leben zu erhalten:

Zwei Jäger sein in einer Almhütte im Winter übernachtet,^) Sie hatten Fuir gemacht, sich erwärmt und aufgebettet, um schlafen zu gehen. Zwei Hunde waren bei ihnen, ein grosser und ein kleiner. Da hat es geklopft und gerufen: ,,Hängt die Hunde an, dass ich kann einigehn! in der Weite halt ich's nicht aus. Da habts Bandl zum Anhängen!" und ein Bandl ist über der Thür kemnien (durch die Spalte). Sie haben den kleineren Hund festgebunden. Nachher ist ein kleines Mandl bei Thüre ein, ist auf einen der Jäger zu und hat gleich angehebt, ihn zu würgen; aber der grosse Hund, der uicht angehängt war, hat ihn nicht verlassen. Er ist aufs Mandl drein und hat es gebissen und da ist es wieder bei Thüre aus und der Hund nach. Sie haben es brüllen gehört über den Wald eier und das Huudl kolen (kallen, bellen) noch lange! Die Jäger haben sich schlafen gelegt und sind den nächsten Tag heim. Den Hund, den sie angebunden hatten, haben sie nicht mehr oderlasst (abgelöst, loslösen können), der hat müssen in der Sennhütt' zu Grunde gehen; der andere ist nach drei Tageu kemmen, aber in einem schrecklichen Zustande, und uach noch drei Tagen gestorben. (Forchner Liese.)

Einmal freuten wir uns über einen schönen Hund; doch der Knecht, dem er gehörte, wollte auch nicht vergessen sein und rief uns zu: „Von mir selbst gezügelt (erzogen)." Dauu zählte er die guten Eigenschaften seines Hundes auf und dieser hob sich an ihm in die Höhe, legte die "•rossen Vorderpfoten dem Manne auf die Brust und sah ihm aufmerksam in die Augen. Er streichelte den Hund, deutete mit dem Finger auf die eigene Stirn und die des Tieres und sagte im Tone vollster Überzeugung: So viel ist sicher, was der Mensch denkt, das weiss der auch.

Heult ein Hund, stirbt bald jemand.

1) Vgl. Zingerle, Sagen ^ S. 235.

Von den Tieren und ilirtm Nutzen nacli (iossensassor Meinung. 55

Auf dem Herde steht der eiserne Fuirliuiid und dient zum Auflegen der Spreidl (feingespaltenes Holz), damit die Luft durchziehen und das Feuer brennen kann.

Eine Katze findet man in jedem Hause, oft ihrer mehrere, denn bei der Lage der Häuser an und in den Feldern würden die Mäuse bald überhand nehmen und nichts wäre mein- sicher vor ihnen. Kein Tier kann in einer Stunde so viel fressen, als die Maus im Verhältnis zu ihrer Kleinheit in der Zeit nagt. Sie thut sich auch Vorräte „aufmausen".

Fast alle Katzen heisseu Meine, ausnahmsweise Scheck, Peterle. Die Zenze nannte eine sehr feine Weibile und ihr Bruder die Scheck, wenn sie ihn erzürnt hatte, sich das Fensterin zu sehr gefallen Hess, Grätl (Gretchen).

Die Katze frisst viel giftiges Zeug und muss deshalb eine gute Milch haben. Ihr gehört die erste Kelle von der frisch gemolkenen. Sie sitzt pünktlich an ihrem Trog oder wartet an der Schwelle des Kuhstalles.

x\nders als der Hund, heisst es, sucht die Katze dem Menschen das Leben zu nehmen; diese Behauptung aber wird durch folgende kleine Erzählung lächerlich gemacht.

Einmal sollen Vilgrattner (die Leute aus Vilgratten gelten für dumm) hier durchgekommen sein, die noch nie eine Katze gesehen hatten. Vor einer Hausthüre sass eine in der Sonne. Sie gefiel den Leuten und sie fragten, ob sie das Tier zu kaufen bekämen. Der Bauer gab die Katze her und sie gingen mit ihr davon. Kaum aber waren sie eine Strecke uegano-en, so sagte der eine zum anderen: Geh doch schleunig zurück und frage, was das Tier frisst. Und er fragte. „0", antwortete der Bauer, „die Katze frisst alles, was man ihr geit (giebt)." Der and<^re, welcher nicht recht verstanden hatte, lief eilig zu seinem Kameraden und rief: „Lasst sie aus, lasst sie aus! sie frisst Vieh und Leut!"

Mäuse und Vögel zieht sie mit ihrem Atem sich zuer. ^) Wenn ein Vogel noch so im Gatter flattert, sie kriegt ihn; denn sie kann nicht anders als die Vögel fangen und fressen das ist ihre Arbeit.

Wenn die Katze nicht ist, wie sie sein soll, muss man sie um einen Kopf kleiner machen. Eines Abends hörten wir beim Schliessen der Hausthüre das Mädchen sagen: „Die Meine ist noch draussen", doch gleich drauf die uns wohlbekannte Stimme der Zenze erwidern: „Glaub' du der Katz, dass sie nicht eierkimmt!" Die Katzen sind klug, aber die Ratzen sind klüger als die Katzen, doch da ist noch ein Mittel die Trappl (Rattenfalle).

Bringt eine Katze ihre halbwüchsigen Jungen zum Vorschein, sucht man um einen Platz, einen Dienst für sie. Viele erliegen dem Tissel (Schnupfen und Halskrankheit).-)

1) Der Mensch, wenn er bei einem Gewitter draussen schwer atmet, zieht den Blitz an.

2) Schöpf, Tirolisches Idiotikon, S. 97. 745: Tisel, Düsel.

56 Eehsener:

Alles Vieh kaim den Tissel bekommen und manches kommt nicht mehr davon (nicht durch): doch über eine „rauhe Klau" ^) soll mau nicht reren (weinen).

Hier hat eine Frau zwei Katzen sehr gut gehalten. Als sie starl), gingen sie auf ihr Grab und rerten. "Wie aber eines Tages Leute nach ihnen sahen, waren statt zwei, drei Katzen dort; die dritte Katze aber war die Terstorbene Frau. ^)

Die Hennen, die mit ihren Eiern zahlen, werden sorgfältig gepflegt.

„Wie viel Eier legt die Henne täglich?" fragte eine junge Frau, die aus der Stadt hergeheiratet hatte. Als Antwort auf ihre Frage hier ein Spruch, der auf einem gefärbten Osterei stand:

Hier hast du ein Ostereil

Die Henne legt niclit zwei.

Wenn dir eins zu wenig ist,

Sieh', dass du mehr derwischt. (Ridnaunthal bei Sterzing.)

Tom Weizen sollen die Hennen legen, und wenn man ihnen Hanfsaat giebt, sagt man, müssen sie legen. Den Weizenstötz (Kübel mit Weizen), wenn er noch so versteckt ist, finden sie immer heraus und machen sich drüber.

Am Tage liaben sie es behaglich warm auf dem Herde, wenn die Stiege gereinigt und frisch gestreut ist und das Feuer lodert. Nachts setzt mau noch ein Brett vor ihren Käfig, schliesst die Fensterläden und auch wohl den Schornstein, damit sie es nicht zu kalt bekommen.

Ihre Pflegerin kennen sie. Die Zeuze hütete sie vor dem Hause, dass sie nicht in fremde Felder gehen ^) und nicht erschrecken möchten, wenn jemand schnell herbeikäme. Sie erzählte: Einmal sind sie auch vor mir wild, hoch aufgeflogen. Ich kam aus der Kirche, hatte ein neues Fürticli (Fürtuch, Schürze) um, da kannten sie mich nicht. Das Fürtich band ich ab, es half nichts. Erst als ich auch den Hut abnahm, wurden sie ruhig. Derkreckelt (verkränkelt) eine Henne, nennt man sie „Grecker" (Yerrecker).

Manche Männer haben Wadin wie Huhnebeine (wie Hahnbeine). Die Hennen singen schieu, doch nur wenn sie legen; aber dann wächst ihnen der Kamm, und es geht in der Stiege zu wie im Rosshimmel. An einer Henne, der Opfergabe eines armen Weibes, wie an diesem selbst, hat Unsere Frauen sogar einmal Wunder gethan.

Ein altes Weibis war krank und verhiess der Mutter Gottes eine Wallfahrt nach Heiligeuberg*). wenn es wieder gesund würde. Die Frau

1) Eiu polztragendes Tier.

2) Ein Beweis dafür, dass eine Frau eine Hexe sei, war es in Norwegen früher, wenn einer bezeugte, er habe sie nachts als Katze gesehen, erzählte uns Frau Dr. Henrik Ibsen.

a) Kommen fremde Hühner einem Bauern zu häufig in die Saatfelder, so giebt es Hämmerwurz, sie zu vergiften.

4 Wo der Ort liegt, war niclit zu ermitteln, nur dass er sehr hoch gelegen.

Von den Tieren und ilireni Nutzen nach Gossensasser Meinung. 57

wurde gesund und wollte tlie verheisseiie Wallfalirt antreten, hatte aber nichts, was sie zum Opfer mitiichinen konnte, als v'me Henne. Diese nahm sie und ging. Es war schon Spätherbst, und die Kirche, die nur den Sommer geöifnet wird, fand sie bereits verschlossen; der Mesner aber wollte sie ihr nicht noch einmal aufthun. Da kniete sie mit der Henne unter dem Arm vor die Kirchthür hin und betete, indem sie dachte, das wäre vielleicht auch so schon gut. Die Kirchthüre aber öffnete sich von selbst für sie, und sie ging in die Kirche. Gählingen (plötzlich) fiel hinter ihr die Thflr wieder zu und sie blieb mit ihrer Henne den ganzen Winter eingeschlossen. Als im Langis (Lenz) der Mesner die Kirche auf- that, kam hinter dem Altar das alte "NYeibis hei'vor. hinter ihm aber die Henne und hinter der kamen noch 20 junge Hühnerl. Unsere Frau hatte sie ernährt.

„Jetzt, ob es wahr ist, weiss ich nicht", sagte die Erzählerin. „Welsche haben es hier für gewiss erzählt." „Warum soll es nicht wahr sein!" fiel ilu' die alte Hülsen vom Brennerbad ins Wort. „Ich glaubs, ich glaub alles!" und sie erzählte folgendes auf Fleisch und Geist bezügliche Wunder: Nach Heiligenberg ist einmal eine andere Frau kirchfahrten gangen, und unterwegs bat sie ein Metzger, auch für ihn dort ein Vaterunser zu beten. Wenn sie es gethan hätte und zurückkehren würde, wolle er ihr dafür ein halbes Pfund Rindfleisch geben. Die Frau vollfühi-te alles und kam zurück, sich das versprochene Fleisch zu holen. Der Metzger wollte es abwiegen; aber wie viel Fleisch er auch auf die AVage legte, es wog immer noch kein halbes Pfund. Zuletzt legte er den halben Ochsen darauf, aber auch der wog das A^aterunser nicht auf, so viel gut war es gewesen. Da das der Mann gewahrete (gewahr wurde), behielt er die Frau, die das Vaterunser gebetet hatte, bei sich und nährte und pflegte sie bis an ihren Tod. -

Der Gans, wolil als Sinnbild des Bauernstandes selbst, dem als unterstem Stand das Härteste aufliegt, wird auch im A^'olksreim Schweres aufgebürdet:

Was tragt die Gans auf ihrem Hirn?

Die Naterin mit samt dem Zwirn.

Was tragt die Gans auf ihrem Rucken?

Den Zimmermann mit samt der Brücken.

Was tragt die Gans auf ihrem Kragen?

Den Metzger mit samt dem Schrägen.

Was tragt die Gans auf ihren Zehn?

Die alten Weiber mit samt den Fhihn.^)

Wenn die Gans badet, giebt es Regen.

1) Eeste eines Liedes, das eine Variante giebt zu dem schhisischeu bei Hoflniann. Schlos. Volkslieder, No. 43 (49. 50). Vgl. auch Erk-Bölmie, Liederhort, III, No. 1T.")L

58

Rehsener

„Das Wild ,zu einem Knödelzeug' (als Fleisch zu den Knödeln) für die Armen erschaffen", ist bis auf einige Hasen , ausgetilgt'. Kaum findet man noch in den Feichten und Lärchen ein Aichler (Eichkätzchen); selbst der Hühuerspielhirt hat in ebbis (etlichen) Jahren keine Gams (Gemse) mehr gesehen. Wenn man frisches Gamsblut trinkt und läuft bis man hinfällt, friert mau nicht mehr; man kann auch tot sein.

Nur der Fuchs lauert noch am Waldesrande und sucht die hennen- hütenden Kinder zu überlisten, die ihn für einen Hund halten, bis er mit dem Huhn im Rachen davonläuft. Der Scheicher (Falscher)! sauer, sauer I rief er, als er der Gans nach gebissen hatte.

Aber einmal war eine Schnecke doch gescheiter als er. Sie wetteten miteinander, wer zuerst und vor Sonnenaufgang auf einem Joch sein würde. Der Fuchs lief, ohne sich umzusehen, schleunig voran, doch die Schnecke hatte sich ihm schon unvermerkt auf den Schweif gesetzt. Als der Fuchs oben ankam, schlug er den Schweif überschi und rief: „Tag ist es«, und „Da bin ich", sagte ober sein (über ihm), auf seinem Schweife, die Schnecke.

Einer hatte einen Fuchs im Eisen gefangen und wollte wetten, wenn er ihm jetzt den Schwanz abhackte und ihn laufen liesse, hätte er ihn bald wieder. Er brauchte sich nur die Stiefel zu schmirben (einzureiben). Womit? wer weiss das.

In Dux

Predigt der Fuchs,

Ist der Mesner ein Stopfer,

Und die Gans gehn zum Opfer.

Ein Wolf hatte sich vor vielen Jahren in Mauls in eine Stube verirrt und ist totgeschlagen worden, und einen Bären haben sie im Nonsthal einmal angeschossen. Der hatte zwei Junge bei sich und trieb diese fort, damit sie nicht auch umkämen, aber sie blieben bei ihm und wurden uetötet.

Auch im Stubich (Stubaithal) hatte vor vielen Jahren ein Jäger einen Bären angeschossen. Er ist von den Kofeln öergekugelt und der Schütze an derselben Stelle ihm nachgerollt, und beide sind unten liegen geblieben; aber der Bär liat den Mann an einem Fuss erwuschen und nicht mehr ausgelassen. Erst nach zwei Stunden sind zwei Männer gekommen, haben den Bären in den Grint geschossen und den Jäger freigemacht. 80 Gulden wollte er für das Fell; ehnder haben sie ein solches nicht hergegeben, soi\dern sind damit umanand betteln gangen.

Der Bär reisst die grössten Bäume mit den W^urzeln um, wenn ilm einer irrt (ihm im Wege ist}, so stark ist er.

Wie die Haustiere, dienen aucli andere Tiere noch als Wetter- propheten:

Vou den Tieren und ihrem Nutzen nach Gossensasser Meinung. .")'.)

Die Joclitscliorkler (Gebirgsfiuken). ticibr sie ungewöhnliche Kälte im April von den Höhen herab, zeigen Frost an.

Das Herniler (AA^iesel), liat es sein weisses Winterkleid an, biingt Schnee.

Und der kleine Pfutschkönig (Zaunkönig), von dem man gelesen, dass er einst höher geflogen als der Adler, soll wissen, warum er sich in der Hecke zeigt er verkündigt schlechtes Wetter.

Alles Wildkunter geht bei gutem Wetter höher in die Bei-ge und kommt bei schlechtem weiter herab, auch die Tattermannlei-*).

Die Jochtschorkler (Gebirgsfinken) sind weiss mit einem schwarzen Streif am Flügel. Sie sind so lang wie die Schwalben, aber dicker.

Die Herraler mausen auch gut und man hätte oft gern eins im Stall. AVeun man zu ihnen Putzkugl (Schimpfname für ein Alädchen) sagt, er- zürnt sie es, aber wenn man sie schiene nennt, das freut sie. Sie haben das Hermlerkraut: wenn sie das ins 3Iaul nehmen und einen damit an- pfeifen, stirbt man. Einmal hat ein Hermler mit einer Schlange gerauft und wäre erlegen, doch da ist es ums Hermlerkraut gelaufen, hat die Schlange angepfiffen und diese ist hingewesen.

Der R. M. hat lange einen Zaunkönig im Zimmer gehabt. Er ist frei ummer geflogen und hoamlich (zahm) worden, an den schönen Tagen hat er gesungen. Seinen Gesang deräntevt man nicht leicht (ahmt man niclit leicht nach).

Wird es Frühling, kommen die Rober (Maikäfer), aber ihrer nicht viele; die Sommervögel, Flender (Schmetterlinge).

Die Grillen sind auch wieder zu finden: aber niclit auf jedem Anger. An ihnen erfreuen sich die Kinder und erzählen: das Mandl hat ein schwarzes Kragele. das W^eibile ein gelbes. Die ^lannler singen. Wir losen (horchen), wo eins singt; kommen wir zu. schiesst es ins Loch. Nachher stecken wir eine Schmelche (Grashalm) eini (hinein), die Grille beisst drauf und wir ziehn sie mit ausser (heraus). In ein Glas gesetzt, täglich einen frischen Klee und Erde gegeben und auch einen Tropfen frisches Wasser auf den Klee, hält man sie lange.

E weile (vor Zeiten) waren Vögel hier wenn du in den Wald gingst, das war ein Singen! Schön war es wohl! sagen die Alten.

AYas waren Stein- und Schneehühner! Ganze Säcke voll hat man nach Sterzing zum Verkauf gebracht. Sie fressen wenig, meist Strauben und Steine. Was gab es Spielhühner und auch Goar (Geier)! AVie hat man sie oft schreien gehört! und die Blättergoass (ein Vogel, der wie eine Geiss schreit); aber nur einen Adler hat einmal einer auf dem Giggelberge (über Gossensass) geschossen. Der hat so weite Schwingen,

1) Schwarzer Erdmolch, hat dicken Kopf und breite Pratzen mit fünf Fingern.

gO Rehsener:

dass er nicht auffliegen kann, wenn er nicht auf etwas Hohem, einem Steine oder Baumstamme, sitzt.

Schön angeritten kam einmal ein Goar (Geier), aber ich hab nur ein paar Federn bekommen, als ich schoss.

Noch sind im Walde Mo äsen und Hetzen (Meisen und Häher), wilde Tauben, aber die streichen nur zu fünf und sechs, Alstern (Elstern) und das Ohrkunter (Eulen).

Zwei Mann haben vor kurzem auch auf einen Buhi (Uhu) geschossen. Der hat zwei Federn grad auf dem Grint (Kopf) stehen. Einer wollte ihn aufheben, aber er lebte noch und wehrte sich so, dass wenn der zweite Mann nicht dem ersten zu Hilfe gekommen wäre, jener sich des Yogels nicht derwehrt hätte. Der Buhi hat einen Fuss weggeschossen und ver- narbt gehabt und auch nur ein Auge und das andere auch vernarbt.

Im Herbst kommen Meisen: die rechte (Kohlmeise), die Tannen- nnd die zierliche Schaubmeise und die muntere Spitz ekäk (Schwarz- plättchen). Sie sehen, ob sie Futter finden bei den Häusern und wenn nicht, gehen sie zurück in die Wälder. In der äussersten Not, nach grossem Schneefall kommen sie wieder. Auch ein Kranewitter (Krammets- vogel) Jiolt sich die Moschbeeren (Vogelbeeren) von den Bäumen.

Die Zugvögel kommen auf dem Herweg.

Schwalben waren was wieviel! Zu Hunderten sassen sie auf den Stangen vor dem Hause. Wunderselten sieht man jetzt noch eine, ehnder noch Speiren, die mit weisser Kehle. Die Welschen fangen ja alle Yögel weg. Doch auch hier stellt man ihnen zu viel nach; dem Bach- gansl (Wasseramsel) seiner weissen Brust wegen. Sie ist gar sovl ein schöner Hutschmuck für die Manner. Die ersten Langisvögel, die Schnarrin (Schnerrerdrosseln) singen auch zuerst morgens im Wald, dann die Brander (Hausrotschwänzchen) auf dem Dach und das Wiesenschmätzerle im Felde, wo es die schönen blaugrünen Eier legt, die man manchmal beim Mähen findet.

Das Drässele (Drosselchen) singt noch im Wald, d. h. es giebt noch

einige. Und

der Gukuk ist nicht jung und nicht alt und singt dächt (doch) im Wald.

Die Meisen pfeifen, die Schwalben pfiempfen.

Die Vögel, wenn sie singen und pfeifen, werden wohl ihre Redens- arten verstehen.

Das Feld war besäet und Ackervögel fanden sich ein Bach- stelzen und die Pfannenstielmeise (wie die Jochtschorkler, aber mit langem Schwanz).

„Was da Vögel auf dem Acker sein!" sagte eine Frau. „Sei froh, dass die Vögel da sind!" unterbrach sie ein Mann, „sonst wäre ja garnichts Lendiges (Lebendiges) melir in der W^eite.

Von den Tieion und ihrem Nutzen nac-li Olossensasser Meinung?. (il

Die hier lebende Forelle kennt jedes Kind und suelit mit ilcr Hand sie zu hnschen; der grossgewordeno Bneb lauert ilu" auf und crstirlit sie mit spitzem Eisen.

1 dagegen gab die Seltenheit eines Tieres, das zwar liier lebt, aber nur von wenigen gesehen worden ist, Veranlassung zu Gerüchten, auch sprach ein jeder, mit «lern wir darüber redeten, dessen Namen umge- ändert aus.

Ein Mädchen, das an einem trüben Nachmittage mit Hagen (Heu- Einbringen) beschäftigt war, sagte: „Die Murmentler hagen auch, aber nur wenn kein Wölkchen am Himmel ist, es sei Tag oder Nacht." Als wir mehr darüber hören wollten, wies sie uns weiter: „Fragen Sie den ^yildschütz dort, der weiss es." Dieser erzählte: „Die Ornamentler sind Tiere, so gross wie eine kleine Katz; sie sind von der Gattige (Gattung) wie der Dachs, aber gelb; sie sehen aus Avie kleine Füchse und haben einen Schwanz wie eine Eichkatz. Löcher machen sich die Ornamentler nicht in die Felsen, aber dicht daneben. Dort hinein bringen sie das Heu. Bei schlechtem Wetter gellen sie garnicht aus den Löchern, bei schönem weit die Berge in die Höhe. Den ganzen Winter über schlafen sie." „Zenze", sagten wir, als wir nach Hause kamen, „ein Pflerscher hat uns von den Murmentlern erzählt, aber er nannte sie Ornamentler." „Dann hat er es gethan, weil er herrisch reden wollte." Haben Sie w^elche gesehen, Huisum?

„Ich nicht. Wenn man sie in ihrem Loch findet, so sind es immer entweder 3, 5, 7 oder 9; nie sind sie paarweise beisammen. Das Fleisch ist gut zu essen und das Fett, welches nur die alten Mannler haben, ist ein gutes Heilmittel, man bekommt es auch in der Apotheke. Bis 14 Pfund schwer soll ein altes fettes Urnementler werden."

Wie ist der rechte Name des Tieres, fragten wir dann den des Schreibens kundigen Roderer.

Den recht eigentlichen Namen der Uramentler, antwortete er. weiss ich auch nicht. Gesehn habe ich keins. Es lebt am Ferner und muss was Vornehmes sein; denn es bringt dem Glück, der es sieht.

Erst der Schullehrer bestätigte, dass das Murmeltier gemeint wäre.^) Die weite Entfernung von hier, in der andere Tiere leben, lässt, bei den Berichten über sie, die Grössenverhältnisse lawinenartig anw^achsen.

Wenn etwas nur eine Viertelstunde weiter gesprochen wird, ist es schon mehr. Je weiter vom Ort, desto grössere Lügen.

Der Fisch lebt in Holland und sein Schwanz reicht bis Deutsch- land. Der W^alfisch aber ist so gross wie ein Land, und wenn sie einen gefangen haben, bringt er so vi(d ein, dass es im ganzen Lande wohl- feiler wird.

1) Vgl. Schöpf, Tirolisches Idiotikon, 452. Schmeller, Bajr. Wh., P, 1(;53.

(52 Schütte:

Gänzlich vom AVirkliclieii ab löst sich jedoch, was eine Sterzingeriu erzählte ^) :

„Im Meer soll ein grosses Tier leben wie schwer es ist, weiss ich uieht wenn das sich regt macht es die Erde beben. Als ich jung war, hat einmal die Erde gebebt. Unglück sollte es geben ich habe auf- gepasst es ist keins kommen."

Gross-Küdde.

Braunschweigische Segen.

Mitg'eteilt von Otto Schütte.

1. Krankheitsegen.

Noch heute wenden sich im Herzogtum Braunschweig viele Kranke an Leute, die es verstehen, zu besprechen oder „bauten", oder sie besprechen sich ihre Übel selbst. So gehen die Menschen, deren Hände durch Warzen entstellt sind, zur Zeit, wenn einem Toten zn Grabe geläutet wird, an ein diessendes Wasser, w^aschen sich ihre Leichdornen und sagen dabei:

Et Kit den Doen wat in dat Graf. Ik wasche mine Likdoren af.

Geht ein Leichenzug vornl)er, so brechen sie in die Worte aus: Like, nimm midde, nimm midde, Nimm alle mine Litören midde.

Sehen sie zwei auf einem Pferde reiten, so rufen sie ihnen zu: Ik seih tvvei op en Pere sitten, Nemet mine Likdoren midde.

In mtmchen Gegenden unseres Herzogtums bestreicht nnm die Warzen bei zunelnnendeni Monde mit Fett. z. B. einer Wurstschale, und spriclit

dabei:

"SVat ik hier seih,

Dat neme tau.

Wat ik bestrike,

Dat neme af.

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes. Amen!

In Wahrstedt bei Yorsfelde wird ein hochdeutscher Spruch gesagt:

Die Leichdornen, die ich seh Im Thal und auf der Höh, Sie verschwinden und vergehn!

1) Alte Überliefeniug. vergl. .1. Griimn, D. Myth.^ S. 777. li. ,\iidree, Ethnograph, .l'arallclen nS78), S. VOW

Braunschweigischo Segen. (j3

Wie die Warzen, so heilt man den Hesebrand, einen Ausschlas- am Miiude, der vom Yolke gewölinlieh „Greben" genannt wird, dadiiich dass man sich nach Sonnenuntergang- an ein fliessendes Wasser stellt, ein Stückchen Watte nimmt, damit auf den Ausschlag tiii»ft und sie mit folgenden Worten ins \\'a.sser wirft:

Witte Wullc un Hesebrand, Gät tausammen na Engcland! Witte Wulle, kumm wedder, Hesebrand, blif ute.

Das Snar wird dadurch vertrieljen, dass man einen Kern(d)stl)auiii umfasst und dabei s])richt:

Kerenböm, ik klage dik: Kerenböni, ik klage dik:

Dat Snar an miner Hand dat plaget mik. Dat Snar an mhier Hand dat plaget mik.

In mik vergeit. Ik hebb' et odragen bet an düsen Dag,

In dik bestell, Nu drag du et bet an den jüngsten Dag.

Dat mik min Lewe nist wedder angeit. Im Namen des Vaters u. s. w.

Das Wort Snar habe ich in den Wörterbüchern nicht finden können; während es im Nordwesten der Stadt Braunschweig das Knatdcen im Ge- lenke bedeutet, versteht man darunter am Hilse das Überbein und ver- treibt es. indem man sich an einen Zwetschenbaum hängt und spricht:

Zwetschenböra, stä faste, Dat mik et Snar baste.

Das Herzspann, das besonders Kinder befällt, wird über Kreuz gestrichen und dabei gesagt:

Herzspann, ik will dik striken. Herzspann, ik baute dik,

Du säst wiken. Min Atem, de jaget mik,

., , ... Von der Ribbc

nerzspann, ik baute uik. ti '^ t^ i

^ , I . 1 ß^^ "^'" b.ribbe.

De verslagenen \\ umc, de plaget unk.

Nimm mik et af, Herzgespann,

Nimm dii et an. Rippengespann,

Ich rühre dich mit den Fingern an.

Aus dem Dorfe Meine, unweit unserer Grenze, kenne ich den ähn- lichen S])rucli:

Herzspann, ik strike dik von'n liibben As dat Pi'rd von de Kribbe. Herzspann, kumm nich wedder!

Für das ßlutbes]>rechen habe ich nur hochdeutsche Formeln er- fahren. Am ältesten scheint die letzte zu sein, die ich anführe:

1. Es stehen drei Lilien auf Christus Grab. Die erste heisst ,, Gertrud".

Die zweite heisst „Kommt kein Tropfen heraus". Und die dritte heisst „Steh Blut"! Unser Herr Christus hat über dies Blut zu kämpfen.

64

Schütte:

2. In Gottes Garten stehii drei Bliimelein : 3. Du sollst nicht quillen, Die erste ist Gottes Güte, Du sollst nicht schwülen,

Die zweite Gottes Liebe, Du sollst nicht brechen,

Die dritte Gottes Wille. Du sollst nicht stehen!

Bei dir steh das Blut jetzt stille!

Die Rose heisst im Volksmimde Auschöte (Auschuss). Ebenso wie sie wird auch der kalte Brand besprochen:

Anschöte besprek' ik,

Fif Finger begripet dik,

Anschöte, stickst nich mehr,

Anschöte, swillst nich. mehr,

Anschöte, du vergeist wie et Gras op en Erdboden.

In dem vorhergenanuten Dorfe Meine wird der Brand folgendermassen

besprochen:

Brand, fahr in'n Sand,

Fahr in"t Ledder,

Kunim nich wedder!

Die Rose:

Es gingen drei Jungfern aus einem Thor,

Die hatten drei Rosen in ihrer Hand.

Die erste verging, die andre verschwand,

Die dritte nahm den Xamen Gottes in ihre Hand.

Ein einfaches Mittel, seine Zahnschmerzen los zu werden, wird im Braunschweig-ischen noch vielfach ebenso wie beim Fieber angewandt. Man schreibt nämlich an die Thür:

Zahnschmerz (oder Fieber) bleib aus.

Ich bin nicht zu Haus.

Man bespricht aber auch die kranken Zähne in folgender Weise:

Einst ging Ahab so traurig.

Da sprach Gott zu Ahab:

_Ahab, warum gehst du so traurig?"'

Da sprach Ahab zu Gott:

..Meine Zähne wollen alle zum Munde hinaus."

Da sprach Gott zu Ahab:

..Geh hin an den Bach und spüle deinen Mund,

Dann werden dir alle deine Zähne gesund."

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes. Amen!

(Die ganzen Worte sind dreimal nach Sonnenuntergang zu sagen).

2. Ein Alpsegen. Dem Märte ndrücken zu entgehen, spricht man die Formel^): Märte, säst mik nich berien, Säst erst alle Steine in de Ere

Säst erst alle Wäter bestrien, umwennen

Säst eist alle Löfbläer licken, Un alle Steren am Himmele teilen.

Säst erst alle Grasstengel plücken. Im Xames Gottes u. s. w.

1) Vgl. unsre Zeitschrift VI, 213 und namentlich 214 den ob erhar zischen Spruch.

Braunschweigische Segen. 05

3. Ein Baumsegeii.

Wie die Frauen, wenn sie Lein gesäet haben, den Beutel, in dem die Saat gewesen ist, hoch in die Lufr werfen, damit der Flachs so lang werde, wie der Beutel hoch geflogen ist, und wie alte Leute in Schüningen lieiiii Mohrrübensäen fortwährend sagen „armlang, beindicke", damit die Früchte eine gute Länge und Dicke bekommen, so beglückwünschten noch vor zwanzig und weniger Jahren die braunschweigischen Dorfbewohner am Neujahrstage ihre Obstbäume. Die meisten banden ein Strohseil um sie und riefen ihnen wie lebenden Wesen ein ^Prost Neujahr" zu. In Wedtlen- stedt bei Braunschweig schlug man dazu noch mit dem Beile einen Riss in die Rinde und steckte hochkant einen Pfennig hinein als Lohn für den vorjährigen Ertrag.

Aber in den Ortschaften am Seiter (Naensen) und Hilse (Delligsen) sprach mau den Bäumen vor 30 40 Jahren einen Segenswunsch aus, indem teils die Kinder in der Frühe des Neujahrstages an die Bäume mit Stöcken schlugen, teils Kinder und Erwachsene um sie im Ringelreihen herumtanzten und dabei sagten:

Freuet jüch, Boeme!

't nie Jahr is ekomen.

Dragt ji sau swär es ik mot dann,

(oder: Sittet vull, draget vull),

Dit Jahr ne Kare vull,

Ober 't Jahr en Wagen vull.

Älter noch sind folgende Verse, die vor 50 Jahren in Delligsen zu

den Bäumen gesprochen wurden:

Freuet jüch, leiwen Boeme! Hüse büse.

Et nie Jahr is ekomen. Up et Jahr twe,

Dit Jahr ne Kare vull, Cp et Jahr noch en paar,

Op et Jahr en Wagen vull, Denn geit de Weige up un dal.

Da in dem letzten Yerse die Wiege erwähnt wird, so scheint mit dem Fruchtsegen im Garten ein Kindersegen in der Familie verknüpft worden zu sein. Ebenso ist dies ja der Fall in den Versen, die in Schöningen zu Sylvester uragesungen werden, und die ich im Bra\'nscliweigischeu JVIagazin vom 24. September 181)1), No. 20 veröffentlicht habe:

Äppel op en Boemeken,

Ober 't Jahr en Soeneken,

Ober 't Jahr noch en paar,

Denn könnt se tausanimen spazieren gan.

B r a u n s c h w e i "•.

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskmule. 1900.

66

Petscli :

Ein Kunstlied im Volksmunde.

Von Dr. phil. Robert Petscli.

In letzter Zeit hat die deutsche Volksliedforschimg auch die „volkstüni- lichen Lieder" in ausgedehntem Maasse in den Kreis ihrer Betrachtung- gezogen, jene offenbaren, im Ausdruck nicht immer ganz Yolkstümlichen Kunstprodukte, die sich im Volke einer so grossen Beliebtheit erfreuen, dass man sie oft als „Volkslieder" ansprechen könnte, wenn nicht gelehrte Forschung recht gut den Namen des Verfassers nachzuweisen yermöchte. Der umstand, dass der Stil und die Darstellungsweise durchaus nicht immer dem Vorstellungskreise des Volkes angemessen, im Gegenteil die meisten dieser Gesellschaftslieder, besonders aus der Mitte unseres Jahr- hunderts, oft recht schwülstig und hochtrabend in ihrer Sprache sind^ bildet kein unüberwindliches Hindernis für die Verbreitung eines solchen Liedes. Lihalt und Melodie sind entscheidend. Im einzelnen sucht sich das Volk den Text derjenigen Stücke, die es wirklich als sein Eigentum annimmt, nach Kräften mundgerecht zu machen, wobei es oft Entstellungen und Umstellungen giebt. Damit beginnen diese Lieder auch für die Volks- kunde interessant zu werden: das ganz unveränderte Aufbewahren namentlich klassischer, patriotischer und religiöser Stücke ist immer verdächtig. Hier handelt es sich um Zwangsarbeit, das Volk hielt es nicht für der Mühe w^ert, die ümschmelzung vorzunehmen. Die Volkskunde geht an ihnen ebenso teilnahmslos vorüber, wie an den neuen Münzen, Maassen und Ge- wichten, die dem Volke von oben herab aufgedrängt werden. Freilich wenn sich erst herausstellt, wie schwer sich der Bauer mit diesen neuen Begriffen abfindet, wenn er immer wieder einen Kilometer Leberwurst fordert, statt eines Kilogramms, dann erregt er wieder unser Interesse; und wenn 'der Dorfjunge kühne, oft witzige Varianten selbst in die National- hymne eiuschwärzt, so folgt ihm auch die Volkskunde registrierend nach. Ein höchst sentimentales, poetisch durchaus nicht bedeutendes Gedieht des Freiherrn Joseph Christian v. Zedlitz hat sich in unserem Volke eine derartige Beliebtheit erworben, dass es in mehreren Versionen hier und da auftaucht, und da ich eine neue, bisher unbekannte Fassung beizu- bringen vermag, so sei diese mit der Originalfassung und einigen land- schaftlichen Varianten, die mir gerade zugänglich sind, verglichen; wir werden dabei die Art, wie das Volk Kunstlieder umdichtet, abermals beobachten können.

Hier folge zunächst die Quelle, wie sie der um die Quellenerforschung unserer Volksdichtuno; verdiente Dr. .lohn Meier entdeckt hat:

Ein Kunstlied im Volksninnde.

67

Mariechon.

Mariechon sass am Rocken, Im Grase schlummert ihr Kind; Durch ihre schwarzen Locken Weht kühl der Abendwind.

Sie sass so sinnend, so traurig, So ernst und geisterbleich; Dunkle AVolken zogen schaurig, Und Wellen schlug der Teich.

Der Reiher kreist über dem Rohre, Die Möwe streift wild umher, Der Staub fegt wirbelnd am Wege, Schon fielen die Tropfen schwer.

Und schwer von Mariechens. Wangen Die heisse Thräne rinnt, Und weinend in ihre Arme Schliesst sie ihr schlummernd Kind.

Wie schläfst du so ruhi<i- und träumest. Du armer, verlassner Wurm! Es donnert, die Tropfen fallen, Die Bäume schüttelt der Sturm! (Gedichte vou J. Chr. Freiherrn von Zedlitz.

Dein Vater hat dich vergessen. Dich und die Mutter dein; Du bist, du arme Waise, Auf der weiten Erde allein!

Dein Vater lebt lustig in Freuden: Gott lass es ihm wohl ergehn; Er weiss nichts von uns beiden, Will dich und mich nicht sehn!

Und stürz' ich, während du schlummerst. Mit dir in den tiefen See, Dann sind wir beide geborgen. Vorüber ist Gram und Weh!

Da öffnet das Kind die Augen, Blickt freundlich auf und lacht; Die Mutter schluchzt und presst es An ihre Brust mit Macht!

Nein, nein! wir w'ollen leben. Wir beide, du und ich! Deinem Vater sei vergeben, Wie selig macht er mich! Mit einer Einleituns: von Dr. Ad. Kohut.

Reclams Liniversal-Bibliothek 3141—42. S. 3G-:'.T.i

Von volkstümlichen Uradiclituiigeii zielieu wir foli^ende Fassungen lieran. die untereinander nur stellenweise zusammenhängen:

e) (Elsenzthal): Glock, Lieder und Sprüclie aus dem Elsenzthale (Zur dcnitschen Volkskunde Xo. 7), LS97, S. •22— 23. Alemannia XXV. 214.

m) (Mosel) : Köhler = C. Köhler, Volkslieder von der Mosel und Saar, herausgeg. von J. Meier, Bd. I, 181)6, Xo. 25 B.. S. 31. 32.

])) (Preussisch): Treichel, Volkslieder und Volksreime aus AVest- pi-pussen, 1895. Xo. 3.3, S. 39.

s) (Schwalbach, Kreis Wetzlar): Fr. M. Böhme, Volkstümliche Lieder der Deutschon, 1895, Xo. 486, S. 3G6.

u) (Unterfranken), d. h. die Fassung, in der das Tjied im Sommer 189N von Herrn Gymnasialassistenten Dr. Vogt in der Gegend von Würzburg aufgezeichnet und mir zum Zwecke der Veröffentlichung freundschaftlich überlassen wurde. Dieser in mehrfacher Hinsicht interessante Text lautet:

1. Mariechen sass weinend am Strande, Im Grase lay schlummernd ihr Kind, Jn ihren schwarzbraunen Locken Es säuselt der Abendwind. : Sie Sassen sinnend und träumend, So arm, so geisterbleich, Die dunklen Wolken zogen Und Wellen schlug der Teich. : |

Der Adler rauscht über die Lüfte, Die Möwe zieht stolz einher. Die Lerche singt frohe Lieder, Es fallen die Tropfen schwer; Schwer von Mariechens Wangen Die heisse Thräne rinnt Und schluchzend in ihren Armen Hält sie ihr schlummerndes Kind. :

gg Petsch:

3. Der Vater hat uns verlassen 4. Da öffnet das Kind seine Augen

Dich und die Mutter dein, Schaut auf zur Mutter und lacht.

Nun sind wir beide Waisen, Die Mutter, die weint vor Freude,

Auf dieser Welt allein, Drückts an ihr Herz und sagt:

: Drum stürzen wir uns beide |1: Nein, nein, wir wollen leben,

In diesen tiefen See, Wir beide, du und ich.

Dann sind wir beide geborgen Dem Vater, dem seis vergeben,

Vor übrigem Ach und Weh. : Wie glücklich machst mich! :||

5. So sass Mariechen am Strande Wohl manche lange Nacht, Bis dass vom fernen Lande Ein Seemann die Botschaft gebracht: j: Das Rind an deinem Busen Hat keinen Vater mehr, Er ist als wackrer Seemann Gestorben im weiten Meer. :i

Das Lied handelt von einer Verlassenen, die aus dem seligen Lächeln ihres Kindes neuen Lebensmut schöpft und ihren Plan, sich mit dem Kinde zu ertränken, aufgiebt, indem sie dem Treulosen verzeiht. Die sentimentale Scene hat das Volk vollkommen erfasst und verarbeitet. Die Naturstimmung aber, den trüben Regentag, den Z. nicht ohne Geschick gemalt hat, ver- stand es nicht und die darauf bezüglichen Teile sind in allen Texten gänzlich entstellt. Endlich greifen die volkstümlichen Fassungen aus den sechzehn Zeilen (die Stropheneinteilung ist ja ohnehin durch die Melodie modifiziert worden), die bei Z. die Anrede des Kindes an die 31utter bilden und etwas langatmig sind, meist nur einen Teil heraus, so dass die Texte kürzer werden als das Original.

Gehen wir nun zur Eiuzelbetrachtung über.

Gleich der Eingang hat mannigfache Abänderuug erfahren.

„Mariechen sass am Rocken,

Im Grase schlummert ihr Kind"

beginnt Z.; der Rocken steht also im Garten, während ihn das Bewusstsein des Volkes in die Spinustube versetzt; es tritt also eine andere, allgemeinere Ortsbestimmung ein, nämlich „im Garten" in e, m, p, s, „am Strande" in u. Das wechselnde, bald jambische, bald anapästisehe Versmass gleicht das Volk, unter dem Einflüsse der Melodie zu Gunsten der letzteren Form aus, so dass meist die Zeilen im Volksmunde etwas länger werden als im Original. So schieben denn, gleichsam in unbewusster Übereinstimmung, alle volkstümlichen Fassungen noch eine Bestimmung ein. Das „weinend" hat neben u noch e, sonst finden wir: „traurig" (s), „träumend" (m), „einsam" (p), also immer ein der Situation angemessenes Wort, was für deren scliarfe Erfassung durch das Volk spricht. Das folgende „AVehen" des Abendwindes „durch" die Locken (die übrigens, weil hier der Ge- schmack des Volkes mitwirkt, nirgends „schwarz" geblieben, sondern in

Ein Kunstlied im Volksmunde. 69

•e, s, lu „schwarzbraun", in m „blond" und in p gar „schwarzblond" geworden sind), hat der Yolksmund cinstinimig verworfen, n setzt dafür da.s auch später noch einmal auffauclieude „Säuseln", alle anderen Fassungen ge- schickter: „Mit ihren Locken Spielt leise der Abendwind." Auch die Bestimmung „kühl", die auf die nachfolgende Schilderung der Regen- stimmung hinweist, hat das Volk nicht verstanden und durch das unpassende „leise" ersetzt.

Ebenso ist das unvolkstümliche „sinnend" fast einstimmig beseitigt worden (während „geisterbleich" als seltsames AVort fast durchgehends erhalten blieb), uud hat einfacheren Ausdrücken, wie „still" (m, s, trübe, p, verlassen e) Platz macheu müssen, wie denn die gehäuften Adjektiva an dieser Stelle überhaupt mannigfach verändert und umgestellt sind, ohne •dass man auf die Bewahrung des Reimes sonderlich geachtet hätte.

Zu Bemerkungen giebt dann erst wieder die Girewitterstimmung AnJass. Das Gebahren der Vögel, dass Z. hier geschickt benutzt, ist vom Volke ganz falsch aufgefasst worden. So ist denn der „Reiher'^ nirgends erhalten geblieben, er ist in einen „Geier" entstellt wortlen (p, s) oder gar in einen „Adler" (e, u), die dann natürlich nicht „ül)er dem Rohre", sondern „über die Berge" kreisen (oder „steigen" s, „streichen" p), oder „über die Lüfte rauschen" u hochtönende Phrasen, die zum Inhalt nicht die geringste Beziehung hal)en, aber gerade dtirum mit besonderer Vorliebe festgehalten werden. Ebenso ist aus dem „wilden'' Fluge der Möve in u ein „stolzer" Zug geworden, und im Elsenzthale geht die Verständnis- losigkeit noch weiter: „Die Nebel (!) fliegen umher."

Am meisten Verwirrung aber liat Z.s folgende Zeile angerichtet, die das Windeswehen beim Ausbruch des Gewitters recht hübsch schildert:

„Der Staub fegt wirbelnd am Wege",

für deren Inhalt aber dem Volke jedes A^erständnis gefehlt haben muss. Am niichsten steht noch m, wo der poetisch wenig verwendete „Weg" dem bekannteren „Meere" gewichen ist: „Es säuselt der Sand am Meere"; wenn aber p gar „von den Gipfeln des Meeres" spricht, so liegt freilich schon eine starke A'erdrehung vor. Auch die Schwalbacher Fassung ist nicht ganz übel: „Es weht ein Wind von ferne"; (higegeii ist die Ent- stehung des Wortlautes in u: „Die Lerche singt frohe Lieder", was die Situation so grob verletzt, gar nicht zu verstehen, wenn man nicht die S''trophe in e betrachtet, das hier überhaupt u nicht fernsteht:

„Der Adler kreist über die Berge, Die Nobel fliegen umher, In den Lüften singt munter die Lerche, Es fallen die Tropfen schwer."

Hier ist durch den Begriff „Adler" der andere: „Berge" gegeben, und im Reime darauf fand sich „Lerche"; als danach die dritte Zeile einmal

70 Petsch: Eiu Kunstlied im Yolksmuiide.

geprägt war, gab mau wiederum den Reim auf. und so erscheint jetzt die „Lerche" bei u im Innern des Yerses.

Zu den folgenden Zeilen ist wenig zu bemerken, höchstens die ab- sonderliche Lesart von p:

„Und in den schluchzenden Armen (!) Hält sie ihr schkimmerndes Kind."

Dagegen sind die folgenden vier Zedlitzschen Strophen vollständig nur in der Schwalbacher Fassung erhalten, und auch da mit manchen Abänderungen:

„Hier liegst du so ruhig von Sinnen, Dein Vater lebt herrlich, in Freuden,

Du armer, verlassener Wurm! Gott lass' es ihm wohl ergehn!

Du träumst von künftigen Sorgen >;, Er gedenkt nicht an uns beide.

Die Bäume bewegt der Sturm. Will mich und dich nicht sehn.

Dein Vater hat dich verlassen, Dium wollen wir uns beide

Dich und die Mutter dein: Hier stürzen in die See;

Drum sind wir arme AVaisen Dann bleiben wir verborgen

Auf dieser Welt allein. Vor Kummer, Ach und Weh."

Dagegen begnügen sich alle anderen Passungen mit zweien dieser Strophen, und zwar ist die vierte und wichtigste, die den Entschluss zum Selbstmorde ausspricht, überall geblieben. Dazu nehmen m und u die zweite Strophe, erstere Fassung nicht ohne xVndernng, alle anderen die dritte Strophe.

Die Version rn arbeitet mit früher schon verwerteten Begriffen:

„Warum so still, so träumend, So einsam, geisterbleich'? Der Vater hat mich verlassen. Dich und die Mutter dein!"

Die dritte Strophe ist zunächst in allen bez. Fassungen (e, p, s) am Anfange leise geändert:

„Dein Vater lebt herrlich, in Freuden": „herrlich und in Freuden leben" (Luc. l(i, 19) ist eben ein ganz volks- tümlicher Ausdruck geworden. Ferner ist Z.s farbloses „er weiss nichts von uns beiden" nur in p geblieben, dagegen in e und s verschärft worden:

„Er gedenkt nicht an uns beide, Wdl mich und dich nicht sehn."

Li der vierten Strophe dieser Rede ist gelegentlich (}» und s) ,,der See" in „die See" verwandelt worden; mannigfach entst(dlt ist die vierte Zeile: „Vorüber ist Gram und Weh" (überall durch „Kummer und Weh" oder „Ach und AVeh" verdrängt, weil „Gram" nicht volkstümlich ist), am auffallendsten in u: „Vor übrigem Ach und Weh", was lebhaft au das

1) Die Scliilderun<? der Aussenwelt ist einem Ausdrucke der im Volksnmnde durcliaus vorherrschenden Gemütsstimmunsr «gewichen.

Stiefel: Zu Hans Sachsens „Df-r i)lint Messner". 71

st.eirische „Guter Jüngling. FriililingsgärtniT" für Got-tlies „Ciiitc jnngo Frülilingsgütter'" erinnert.

Die im Original folgende Strophe „Da öffnet das Kind" Init in n eigentlich gewonnen. Auch ist das höchst nnscliöne „mit bracht", das alle anderen Fassungen beibehalten haben, sehr geschickt beseitigt. Auch das gesuchte „A\ ie glncklicli macht er mich" (nämlich der Untreue, da er mir docli das Kind zurückliess) ist durchgängig im Ydlksiininde durch das einfache, herzliche :

,,Wie glücklich machst du mich"

geändert \Yorden. Wir sehen, dass es sich im Yolksmundc nicht immer um Entstellungen und Schlimmbesserungen handelt, sondern dass das Volk mit feinem Gefühl oft das Richtige trifft. Woher freilich die unterfränkische Fassung die ganz eigentündiche, gar nicht zum Yorhorgehenden ])assende Schlussstrophe genommen hat. die weder im Original noch in irgend einer Yolkstümlicheu Yersion zu finden ist, bleibt mir unklar. Sie nmss aus einem anderen Liede, das mit unserem wohl die Melodie gemein hatte, „angesungen sein", so dass sich uns zum Schlüsse noch ein Blick auf dieses für die Entwickelung des Volksliedes so wichtige Clement der Ent- lehnung eröffnet hat. Vielleicht gelingt es einem Kundigeren, die Quelle dieses Zusatzes zu ermitteln.

Zu Hans Sachsens „Der plint Messner".

Von A. L. Stiefel.

In dieser Zeitschrift. Bd. YIII, S. 217 ff., teilt Herr J. Jaworskij eine grossrussische und fünf südrussische Parallelen zum (iU. Fastnachtspiele des Hans Sachs („Der plint Messner") mit, die er als Mittelglieder zwischen dem deutschen Fastnachtspiele und der von mir als letzte Quelle bezeich- neten^) Erzählung im Pantschatantra betrachtet. Jaworskij glaubt, dass jene Versionen „für di<' Erforschung der Wege, auf welchen die Geschichte vom Brahmanen und seinem ehebrecherischen Weibe zu den Ohren des Hans Sachs gewandert sein mochte, von einer nicht zu unterschätzenden Wichtigkeit »ein werden". Von besonderem Werte erscheint ihm hierbei eine Erzählung aus der Charkower Gegend, worin ebenfalls, wie bei H. Sachs, der Liebhaber ein Pfarrer ist, „der Platz der Offenbarung in die Kirche verlegt" und ein Heiliger eingeführt wird, ,.Iwini Kuscnyk (etwa Johann vom Gebüsch)", „welcher, obgleich kirchlichen Ursprungs, zu den volkstümlich -apokryphen und etwas spöttischen Heiligennamen

1) In dieser Ztschr. Bd. VIIl, S. 74 ff.

72

Stiefel:

gehört", also „ganz dem deutschen St. Stölprian entspricht, welchen H. Sachs vielleicht nicht selbst spotthalber erdichtet . . . , sondern aus- dem satirischen Volksmunde genommen haben mag."

So dankenswert die Mitteilungen Jaworskijs auch für die Geschichte des Stoffes sein mögen, so fordern sie doch mehrfach zu Widerspruch heraus. Jaworskij behauptet (S. 217) u. a., dass mir ausser Pröhle und Simrock nicht „irgend welche anderen Zwischenglieder bekannt gewesen'^ seien. Hierin irrt er sich sehr. Zwischenglieder in dem Sinne, wie er sie auffasst, kenne ich zur (leniige. Bd. YIII, S. 79 dieser Zeitschrift verweise ich in der Anmerkung auf die von J. Bolte (Frey, Gartengesellschaft, S. 284) zusammengetragenen Parallelen, die ich selbstverständlich noch alle vor dem Drucke meines Aufsatzes verglichen habe. Jaworskij hätte gut gethan, diese Anmerkung zu beachten und die von Bolte verzeichneten Versionen ebenfalls anzusehen. Er hätte dann gefunden, dass bereits in den Kryp- tadia I (1883) S. 241 ff. zwei russische Versionen des Schwankes mit- geteilt sind, wovon die erste der von Jaworskij angeführten Dobrohostower Erzählung insofern gleicht, als auch sie das Motiv von der unterschobenen Leiche mitverschmilzt, und der Charkower Erzählung insofern als ein Heiliger (Nicolas Douplianuskoy) darin eine Rolle spielt, und der Ehemann, in einem hohlen Baume versteckt, den Heiligen vorstellt. Die zweite Er- zählung der Kryptadia (I, 243 ff.) ähnelt der- Dobrohostower Darstellung insofern, als das Weib darin eine alte Wahrsagerin („une vieille sorciere") um Rat fragt und so das blind machende Mittel erfährt, und den anderen russischen Versionen in dem Punkte, dass ausser dem Ehemanne noch ein Diener (ouvrier) mitwirkt. Jaworskij hätte ferner gefunden, dass wie AVlislocki^) berichtet der Stoff auch bei den Slovaken, sieben- bürger Sachsen und transilvanischen Bulgaren vorkommt. Nicht minder finden wir ihn in den Niederlanden, in Italien u. s. w.

So wenig ich indes bei irgend einer dieser Versionen daran dachte, sie als ein Mittelglied zwischen H. Sachs und dem Pantschatantra zu be- trachten, so wenig ist meines Erachtens bei den von Jaworskij veröffent- lichten daran zu denken. Es bleibt immer eine missliche Sache, eine erst in unseren Tagen niedergeschriebene Erzählung als Quelle einer bereits vor Jahrhunderten gedruckten Dichtung anzusehen. Denn wenn auch manche Märchen und Schwanke auf recht alte Überlieferung zurückgehen, so ist es doch in vielen anderen Fällen sicher, dass sie bei diesem oder jenem Volke ganz modernen Ursprungs sind. Wenn in früheren Jahr- hunderten viele Schwaukstoffe Europa von Osten her zuströmten, so sind auch umgekehrt in späteren Zeiten viele von Westen nach Osten zurück- geströmt. Leider lässt sich nur selten beweisen, ob ein Stoff auf seinem Herwege oder auf seinem Hinweg sich in einem Lande niedergeschlagen hat.

1) Zeitschr. der d. Morgenl. Ges. 42, 12UÜ',

Zu Hans Sachsens „Der plint Messner". 73

Was nun H. Sachs betrifft, so isf die Möglichkeit eines russischen Einflusses bei ilim vöUii;' ausgeschlossen. Seine direkte Qu<dle ist mir jetzt bekainit, es ist ein Meistergesang seines Zeitgenossen und Lands- mannes Hans Yogel, betitelt

Die Kesküchlein^).

geschrieben im Jahre 1541. \u diesem Gedichte bittet eine Frau eine Zauberin um Rat, ^vie sie es anfangen solle, damit ihi- Mann erldimlc Diese rät ihr, sieh „in sankt Lenhartskirchen" /u liegeljen und dort zu dem Heiligen zu flehen. „Der wirt dire gar bald aium rath finden."

„Das wurd ir man geware,

Ging- in die kirchcn, stelt sich in altare

Mit lug

Sam er sankt Lenhart were.^

Und so die Kolle des Heiligen übernehmend, rät er: „Gib im gut wein Und kessküchlein genug!" Die Frau befolgt den Rat, der Mann stellt sich blind, worauf jene „gar bald darnach ireu pfaffen zu gast lud." Doch der Blinde „hinter dem Ofen" ergreift die Armbrust des Pfaffen und erschiesst ihn. Das Weib jammert und „rauft ir hare" und sagt dem Mörder, man werde seinen Leib „marteren schwere". ])a bittet sie der 31ann, sich immer noch blind stellend: „0 liebes Weib, nun wirf mich in ein bache, ee ich gemartert were!" Sie führt ihn zum Bache, aber

Gar bald er sich umwende Und warf sie selbst hinein.

Das Meisterlied Vogels ist für die- Geschichte des Stoffes von hoher Wichtigkeit. Es enthält nicht nur fast das ganze Material des H. Sachsi- schen Fastnachtspiels, sondern auch beinahe alle wesentlichen Bestandteile der modernen Versionen: Die Wahrsagerin oder Zauberin, den Käse- (oder Eier-) kuchen, das Hineinwerfen ins Wasser u. s. w. Doch zurück zu H. Sachs. Die Übereinstimmung seines Fastnachtspiels mit dem Meister- iiesang H. Voo-els ist, wie gesagt, »"ross: Hier wie dort ist der Galan ein Pfaffe, hier wie dort handelt es sich ausschliesslich um das Erblinden des Mannes in modernen Versionen dagegen aucli um das Taubwerden oder gar Sterben , hier wie dort spielt der Mann den Heiligen, hier wie dort versteckt er sich in der Kirche im Altar, hier wie dort si)ielt Wein und Kuchen eine Rolle beim Erblinden, hier wie dort wird der Pfaffe mit einer Armbrust erschossen. Und so dürfen wir wohl unbedenklich den Meistergesang H. Vogels als Quelle H. Sachsens ansehen. Wenn letzterer in seinem Spiele die Wahrsagerin wegliess und die Fabel mit dem Tode des Pfaffen abschloss, so mochte er es vielleicht gethan haben, um die dramatische Handluno- des Faschino'schwankes zu vereinfachen. Merk-

1) Mitgeteilt iu Boltes Ireü'liclier Ausgabe der Scliwaukbücliev des Martin Montanus (217. Publ. d. Stuttg. J.itt. Vereins) 1899, S. 517ff.

74

Stiefel:

würdigerweise uälierte er sich dadurch der indischen Quelle mehr als alle anderen bekannten Versionen.

Ich habe einen rnterschied zwischen dem Spiele des Sachs und dem Meistergesang H. Vogels nicht betont, und das ist derXame des Heiligen, St. Stolprian bei H. Sachs und St. Lenhard bei Vogel. Aber durch diesen letzteren Kamen sind wir im stände, einen weiteren Beweis für die Abhäno-iokeit des berühmten Schusters von seinem Landsmann zu erbringen. Im Jahre 15.51, also 3 Jahre vor seinem Fastnachtspiele, dichtete H. Sachs einen Meistergesang, der hierher gehört und ein nicht unwichtiges Glied in der Kette der Stoffüberlieferung bildet. Da er bis jetzt ungedruckt ist, lasse ich ihn hier folgen^):

Inn des Römers gesangweis.

Der baur, messner mit dem pfaffen.

1.

Ein beuerin die het im dorff den pfaffen höh,

bat in, das er sant Linhart flcissig bitten woU

das ir man thet in drey tagen erblinden . . 1 .

das er zu ir möcht aus vnd ein gehn, wens geschech,

das in der alte eifferig bauer nit sech.

Den anschlag hört der knecht im rostal binden . . | .

Ynnd sagt dem bauren das in kaim.

Der sprach, ich will des buben volck fein effen.

Als er vom acker ritt herhaim,

thett er, sam kund er das hofthor nit dreffen

vnnd ritt darneben an den zäun

ein mal, drey, vier, die beurin kam geloffen.

er sprach: weib mit mein äugen braun

sih ich kein stick vnd hab sie doch weit ofl'en.

Da sprach sie: lieber haußwirt mein,

so hut mir nur der pollen,

wenn du hörest lauffen darein

hund oder schwein,

so schlag mit diser stangcn drein,

das sie herauser trollen | .

Das weib wolt in probiren, haucht^) auf alle vier

kruch in polen, als ob sie wer ein wildes thier.

dei' man schlugs vbcrt lendc mit der stangen

vnd schrie: aus hund! die frau war fro, dacht er ist blint,

vnd schickt nach dem pfaffen, der schlich inns Haus geschwint.

der bauer sah in wol, kam hinnach gangen . . . ] .

1) Kach einer Abschrift des Herrn Archivrats E. Mummenhoff zu Nürnberg, dem ich aucli an dieser Stelle für seine Liebenswürdigkeit danke. Der Mg. befmdet sich in der Nürub. Stadtbibliothek Solger 2" 5G I, 280b. Vergl. Bolte zu Moutanus' Schvrankbücher S. 611.

2) hauchen = sich ducken, kauern: Schmeller, B. Wb., 1-, 1041.

Zu Hans Sachsens „Der plint Mcssncr". 7;,

vbei" ein viertel stund inns haus,

zu besehen ir baider abentheuer.

die frau nach wein war hinten naus,

ein pfann mit heißem schmaltz stund ob dem feiier,

das gos er dem pfafTen in hals.

der sas in dem volbad vnnd war cntschlaffen,

setzt sich zu sein pollen nachmals.

die fraw kam, fannd todt im volbad den pfaffen

die klagt die sach dem blinden man:

ich kann dir helfen nichte,

sprach er, weil ich mein gsicht nit han.

Sie ruffet an

sant L in hart, als bald wider gewan

der gut man sein gesiebte | .

3.

Frue laint der bauer den pfaffen ant kirchen thur

Zum schlos. als darnach der mesner auch kam darfur,

weit auffsperen vnd zu der fruemes leutten,

Fand den pfaffen, da sprach er: bona dies, herr.

er antwurt nicht, der messner het auch das geblerr,

zupft in, dacht, was mag der hart schlaff bedeutten.

Der pfalf fiel nieder vnd war todt.

Der mesner hart darob erschrocken wäre

vnnd legt im an ein meßgwant rot

leint in zu dem meßbuch an dem altare.

als nu das volck gen opfer lieff,

kam der Schwindel in köpf eim alten weibe,

den pfaffen beim meßgwant ergrielf

vnnd zug in vmb, da fiel sein todter leibe

auff sie vnd sie zu tode schlug,

legts in ein grab zu same.

so kam daruon der mesner klug.

der bauer zwug

dem pfaffen, vnd beym har umbzug

sein weib, bald er heim käme . . . . l.ööl.

Das erste, was an dieser merkwürdigen Version auffällt, das ist der ISJ^ame 8t. Linhard. Hs ist offenbar kein Zufall, dass IL Sachs diesen Namen wählte. Er entnalmi ilin der Erzählung- H. Vogels und ersetzte ihn erst^) im Fastnachtspiel durch den St. Stol[)rian.

Und so sind wir schon jetzt gezwungen, die Hypothese des Herrn Jaworskij abzulehnen. Dem St. Stolprian kann nicht die von ihm gewollte Rolle in der Quellenfrage des Schwankes zufallen, weil nicht nur in der ältesten bekannten deutschen Version, im ]\[eistergesaug des H. Vogel, sondern auch in dem drei .lahre vor dem Fastnachtspiele gedichteten

1) Ich sage dies indes mit Vorl)elialt, da uns nichts über das zwei .lahre früher ver- fasste verlorene Meisterlied „Der plint mesner"' bekannt ist. Möirliclierweise kam der St. Stolprian schon darin vor.

7() Stiefel:

Meistergesang H. Sachsens nur ein ernsthafter Heiliger vorkommt. Die Verknüpfung des Spottheiligen St. Stolprian mit dem Stoffe ist und bleibt das AA^erk des Nürnberger Schuhmachers, ob er nun den Namen selbst erfunden, oder ihn von einem anderen überkommen hat.

Wenn wir uns jetzt nochmals zu dem Meistergesang „Inn des Römers Gesangweis" wenden, so dürfen wir nicht unerwähnt lassen, dass derselbe von dem Yogelschen Liede sowohl als von H. Sachsens Fastnachtspiel sehr wesentlich abw^eicht. Er bringt ganz neue Züge, so z. B. den, wie der Bauer seine Blindheit glaublich macht, sein Hüten „der pollen", den eigenartigen Tod des Pfaffen, der nicht durch einen Pfeilschuss, sondern durch eingegossenes heisses Schmalz bewirkt wird u. s. w. Andererseits fehlen manche Momente, so z. B. die bliudmachenden Speisen und Getränke. Das blosse Gebet zu dem Heiligen veranlasst bereits die Erblindung des Ehemanns. Fast möchte es scheinen, als ob Jaworskij mit seiner Behauptung wenigstens bei diesem Gedichte Recht hätte; denn in derselben Weise wird auch in dem oben erwähnten russischen Schwank von Doupliannskoy die Erblindung herbeigeführt. Mit dieser russischen Darstellung bietet unser deutsches Gedicht noch die weiteren Übereinstimmungen, dass der Ehe- mann den Galan wilhrend einer momentanen Abwesenheit seiner treulosen Ehehälfte tötet, so dass diese den Tod einem Unfall und nicht ihrem Mann zur Last legt und dass mit dem Motiv vom verstellten Blinden noch die vom Prestre c'on porte^ bezw. vom Sacristahi de Clunij verbunden ist. Anderen russischen Versionen ähnelt der Meistergesang insofern, als ein Diener darin auftritt, der dem Ehemann die ehebrecherische Liebe der Frau verrät. Gleichwohl ist an einen direkten oder indirekten russischen Einfluss auch hier nicht zu denken. Manches in H. Sachsens Lied muss vorerst rätsel- haft bleiben, oder lässt sich nur durch die Annahme erklären, dass wohl damals von dem Schwanke neben der Version, w^ie sie in H. Vogels Meistergesang dargestellt ist, noch eine zweite zirkulierte. Aber die eigen- tümliche Kombination der zwei Motive, sowie eineine Züge erklären sich durch das bei unserem Dichter beliebte Kontaminationsverfahren ^). Die Fabel vom „blinden Messner" ist im Grunde nur eine Variante des ausser- ordentlich verbreiteten Themas vom Ehemann, der, nachdem er seine treulose Frau und ihren Liebhaber durch List sicher gemacht und über- rascht hat, den letzteren umbringt und die That geschickt von sich abwälzt. Dieses Motiv ist vornehmlich in Frankreich und zwar schon im 12. und 13. Jahrhundert zur Ausbildung gelangt und hat sich von da in zahl- losen mehr oder weniger freien Nachahmungen über ganz Europa ver-

1) Hiervon habe icli sowohl für die Fastnachtsspiele als auch für die Schwanke des Meisters zahlreiche Belege gegeben. Vgl. meine Arbeit über die Quellen der H. Sachsischen Dramen, Germania, Bd. 36, l-GO, besonders S. 29, 31, 33f., 36ff., 39£f., 53if , 55 ff., Bd. 37 S. 205) ff., 213 ff. u. s.w., sowie meine H. Sachs-Forschungen S. 33—192.

Zu Hans Saclisciis „Dor plint Messiicr". 77

breitet.') In den französischen Versioncii nnd ihren deutschen Bearl)eituni;<'ii ist besonders der letzte Teil der Fabel, der das dem Orient entstammende Motiv von der Umherwandernng- eines Toten entliält. Gegenstand ausführ- licher Behandlung geworden. Ist es zu verwundern, dass H. Sachs, welcher so gern in seinen Schwänken ähnliclie Geschichten verschmolz, auf den Gedanken kam, auch in dem vorliegenden Meistergesang so zu verfahren? In dem Fableau ..du Prestre c'on porte'' hat eine Frau ein sträfliches Ver- hältnis zu einem Geistlichen. Der Mann bemerkt es, thut als ob er ver- reise, kehrt aber heimlich zurück. Die Frau schickt nach dem Pfaffen, welcher sogleich erscheint und zunächst ein Bad nimmt. Während das Weil) sich einen Augenblick entfernt, um in die Küche zu gehen, kommt der verborgene „vilains" hervor, erdrosselt (\vn eiugeschlafenen „prestre", schleicht sich stille davon und kloi)ft gleich darauf am Thore, als ob er eben erst angekommen wäre.

Soweit hat das Fableau mit dem Meisterlied des 11. Sachs wxmn mau von der fingierten Erblindung des Ehemanns absieht, an deren Stelle die fingierte Abreise desselben tritt die grösste Ähnlichkeit. Diese Übereinstimmung brachte den Nürnberger offenbar auf den Gedanken, die verwandte Erzählung in ähnlicher Weise wie in dem von Frankreich konmieuden Märchen, mit der Fortschafi'ung des Toten weiterzuführen. Ich spreche damit keine blosse Yermutung aus, sondern bin in der Lage meine Behauptung zu beweisen.

H. Sachs l)enutzte für den Schluss seines Meistergesangs ein altes Spruchgedicht des 15. Jahihunderts „Von einem Pfarrer''^), das in einer Handschrift dem Hanns Rosenplüt dem Schnepperer, in einer anderen einem „Hanns Zapf zue Xurmberg Barbirer" zugeschrieben wnrd, - aber, wie V. Michels sehr wahrscheinlich gemacht hat^), von Rosenplüt wirklich herrührt. Es ist entweder eine sehr freie Nachbildung des eben erwähnten Fableau dou prestre con porte oder, wahrscheinlicher, die Übersetzung einer verlorenen französischen Version des Schw^aukes, deren es gewiss mehr gegeben hat, als wir jetzt noch besitzen. Den Anfang der 3Ö6 Verse langen Dichtung hat H. Sachs nicht benutzt. Darin wird der Tod des Pfarrers ganz abweichend von den sonst bekannten älteren Versionen erzählt. Der Geistliche stirbt nicht als ein Opfer seiner Sinnenlust, sondern durch die Ungeschicklichkeit eines Schusters, der, als er ihm einen Schuh am Fusse ausbessert, eine Ader trifft, wodurch jener „plutet sich also zue tath".

1) Über die Verbreitung vgl. Keller, Romaus des Sept Sages, p. CCXXIII, Dioclet, Leben, Einleit. S. 61. Douce, Illustrations of Shakspere II, 378 ff. Legrand, Fabliaux 1779, Bd. in, 8.388, von der Hagen, Gesamtabenteuor, III, p. XXXV-LXI, Boltc zu Schumanns Nachtbüchlcin, No. 19, S. 395 und Freys Gartengesellschaft S. 2s 1, wo sich noch weiter Angaben iiiidon.

2) Oder „Vom pfarrer der zu fünlT maln starb.'- Abgedruckt in A. v. Kellers ,,Er- zähluugen aus altdeutschen Handschriften" (35. Publ. des Litt. Vereins), S. 111—119.

3) Studien über die ältesten deutscheu Fastnachtspielo, S. 148 ff.

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Stiefel:

Der Schuster holt luiu das Pferd des Pfarrers, setzt ihn mit Hilfe seiner Frau darauf und führt ihn auf ein Haberfeld. Dort erregt der Tote als- bald den Zorn des Besitzers, eines Bauern, der ihn mit einem Steine vom Pferde schlägt und nun vermeint, ihn getötet zu haben. Der Bauer trägt den Leichnam zur Thüre seines Nachbars und als dieser „den gattern sties . . auf mit gewalt", so fällt der Pfaffe um. Der Nachbar glaubt, er sei der Mörder und entledigt sich des Körpers, indem er ihn in das Haus des Mesners trägt. Dort lehnt er ihn über einen Backtrog und stopft ihm den Mund mit Teig, so dass es den Anschein hat, als sei er beim Leeren des Inhalts erstickt. Die List gelingt. Der Mesner ist ausser sich, als er von seiner Frau, die den Pfarrer zuerst entdeckt hat, gerufen wird.

Soweit hat Sachs das Gedicht unbenutzt gelassen, wenn man nicht etwa das Anlehnen des toten Geistlichen an die Kirchenthüre bei ihm auf das Anlehnen des Pfarrers ans „Gatter" zurückführen wWl. Den Rest des Schwankes hat Sachs nachgeahmt, ich gebe ihn hier mit einigen Kürzungen wieder:

Der man sprach:

Möchten wir neuer eins betrachten Wie wir des pfaffenn körnen ab! Die Frau jm pald do antburt gab Vnd sprach: Ich weis kain pessern

synn, Wir tragen jne die kirchen hin Ynd legen jm an sein meßgewant Vnd stellen jn über den alter zu

haut Vnd zihen darnach frümeß ane. So dann die leut herzu wern gan Vnd sehen, das er sich nit verruckt So wollen sie wenn, er sey entzuckt Ine grosser andacht, die er habe. Sich, also kamen wir sein ab. Der nießner

hub de fi-üraeß an zu ziehen,

Do kamen die pauern vnd begunden

knyen, Hin zu dem altar vnd annders war. Zue letzt ein altes weib kam dar,

Vnd zwischen den leüten sich ein hin

zwingen, Ob sie ergrielT das meß gewannt. Vnd do es jr wart jne die hannt, Da für sie zu dem mund darmit Vnd wolt es küssen nach peuerischem sit Vnd ruckt jn au ff ein seytenn gar. Do vil der pfaff auff sie dar Vnd schlug sie schweres uals zu

todt. Zum alter wart ein groß gelauff. Den pfaffen wolten sie helffen auff, Do was er gantz vnd gar erstart. Das erschrackenn sie also hart, Vnd hub sich zweyer hande not. Ein teyl clagten des pfaffen tot, Die andern wurden die frauen clagen Die er het zuc todt geschlagenn. Do sie nun lang geklagt hettenn Vnd alle sleglichenn tettenn, Do Westen sie pessers nit zu schaffenn, Sie namen den pfaffen vnd die frauen Vnd bestatten sie zu der erdenn droth.

Vnd gundt gar uast zum altar tringen,

Die Übereinstimmung dieser Verse mit dem Schluss des Sachsischen Meistergesangs im Inhalt ist eine auffallende. Selbst ein paar Verse ähneln einander. Und so unterliegt es w^ohl keinem Zweifel, dass wir bei dem wackeren Meister hier, wie so oft sonst, eine Kontamination anzunehmen haben.

Sieht man zu, wie Sachs im letzten Teil seines Meisterliedes Wichtiges ausg(dassen und die Erzählung zusammengedrängt hat, so gerät man auf

Zu Hans Sachsens „Der pliiit Messner". 7<(

tleii (iedanken, dass er auch für die beiil<Mi orsfcu Teile ein iilinlidies Verfahren eingeschlagen und dass die Vereinfachung der Fabel, iiann-ntlich die AVoglassung der die Blindheit verursachenden Speise und Getränke möglicherweise erst sein Werk war. Indes kommen wir in diesem Punkte über die blosse A Crmutung nicht hinaus.

Die Frage nach der Herkunft des Stoffes harrt aber noch ihrer Lösung: denn wenn wir auch bezüglich der Quelle des Sachsischen Fastnachtspieles jetzt im Klaren sind, so wissen wir immer noch nicht, woher Hans V^ogel das Märchen nahm und wie H. Sachs zu den abweichenden Zügen im ersten Teile seines Meistergesangs kam. Bezüglich dieser Fragen sind wir vorerst auf Vermutungen angewiesen. Ich glaube, dass der Schwank gleich anderen ähnlichen Charakters dem deutschen Boden durch fran- zösische Vermittlung zufloss und nach Frankreich selbst auf demselben Wege wie so viele orientalische Märchen gelangte.

Sicher scheint mir aber das Eine: Russland spielte in diesem Falle nicht die Vermittlerrolle für Europa. Die von .laworskij angeführten russischen Versionen, sowie die beiden in den Kryptadia sind beinahe alle viel zu kompliziert, als dass man sie für ältere, dem Osten näher stehende Formen des Märchens halten könnte. Die ursprüngliche einfache Idee, dass der unbequeme Ehemann von der Gattin durch den Rat eines an- geblich höheren Wesens mittels Speisen blind gemacht wird, ist in den meisten dahin erweitert, dass er nach je einer anderen Speise auch taub, bezw. stumm oder wahnsinnig wird, oder gar stirbt; es ist ferner in mehreren einem Diener eine sehr wichtige Rollo eingeräumt, oder es fehlt tlas leitende i\Iotiv: die Untreue der Frau. Das alles sind Züge, welche die russischen Märchen als abgeleitete jüngere Gestaltungen erkennen lassen. Und so möchte ich denn die Behauptung des Herrn Jaworskij uiidcehren: H. Sachs bezw. H. Vogel haben die russischen ]\rärchen beein- flusst, wobei vielleicht die Westslaven die Vermittlerrolle spielten. Dass der deutsche Meistergesang und die deutschen Fastnachtspiele besonders die des H. Sachs weit über Deutschlands Grenzen hinaus ihre Wirkung erstreckten, darf man ohne weiteres anntdmien, für H. Sachsens Dramen ist es übrigens schon erwiesen worden. Ich habe oben angedeutet, dass das Meisterlied des H. Vogel fast alle Elemente der verschiedenen modernen Märchen bereits enthält. Ich will noch ein AVort über das Meisterlied des Xürnberger Schumachers sagen. Die eigentümliche Verknüpfung der beiden ^lotive vom verstellten Blinden und dem „prestre c'on porte", die wir darin und dann wieder in Russland, aber weder im europäischen Westen noch im fernen Orient treffen, verleihen meiner Annahme einen hohen Grad von Berechtigung. H. Sachs hatte, wie wir oben sahen, «lie beiden Stoffe erst selbst verschmolzen und w^ar hierin, soweit unsen^ Nach- forschungen bis jetzt reichen, der erste. Es hat wenig zu l)edeuteu, dass die Abenteuer des Toten in der einen russiselKMi Version die der anderen

80

Piffcr;

sind mir unbekannt niclit mit denen des H. Sachs übereinstimmen; das letztere Motiv für sich allein war so ausserordentlich verbreitet, dass die Einschiebung anderer Abenteuer in unsere Fabel sich von selbst verstand. Und nun zum Schluss noch ein Wort über den St. Stolprian. H. Sachs konnte ihn in Verbindung mit unserer Erzählung wie wir oben sahen nicht vom slavischen Osten erhalten haben, aber nichts steht im Wege, dass der Iwan Kusenyk und der wahrscheinlich nahe verwandte Xicolas Doupliannskoy so weit meine spärlichen russischen Kennt- nisse reichen, etwa Nicolaus vop hohlen Baum erst unter dem Ein- flüsse des H. Sachs aber natürlich mittelbar, in das russische Märchen geraten sind. Die Ersetzung eines ernsthaften Heiligen bei H. Sachs durch einen scherzhaften versteht man vollkommen: der Xürnberger war Protestant und wollte sich über den Heiligenkultus lustig machen. In den russischen Volksmärchen dagegen erklärt sich der „etwas spöttische Heiligen- name" nur durch eine bestimmte Überlieferung.

Was aber diese russischen Waldheiligeu. diese vermeinten Bewohner hohler Bäume anbetrifft, die ein Weib in Liebesnöten aufsucht, um sich bei ihnen Rats zu erholen, so erinnern sie an die altdeutsche Erzählung „Der hol boum"^), worin ein Weib unzufrieden mit der Minne ihres Mannes, ihn veranlasst zu einem hohlen Baume im Walde sich zu begeben,

„da sint heiligen innen,

die erhoerent aller liute gebet."

Die Frau schleicht sich vorher zum Baume und spielt den Heiligen ganz wie in den russischen 3Iärchen. Man sieht, auch dieses Motiv findet sich sehr frühe in Deutschland. München.

FascMiii>'sael)räiic]ie in Priitz im Oberinntlial.

Von Franz Paul Piger.

Wer nie von Landeck aufwärts den noch jungen Inn entlang ins Engadin wanderte, hat wohl niemals von einem Dorfe Prutz gehört. Eine kleine Stunde oberhalb der aus der Franzosenzeit rühmlich bekannten und schon von den Römern benutzten Ppntlatzbrücke (pons latus) liegt es auf dem Erdreich, das die Fagga. aus den Gepatschfernern kommend, im Laufe der Jahrtausende der Furche des Hauptthaies zugeführt. Der Inn durchrauscht es und waldige Berge mit kahlen Scheiteln umstehen und hüten es.

1) Abgedruckt in den Altdeutschen Wäldern III, IGOflf. und bei von der Hageu, Gesamtabenteuer. II, 141. Ähnlich; Pauli, Sc/i. u. E., 135/36 und Schumann, Naclitb., 50.

Faschingsgebräuche in Prutz im Oberinntlial. gj

In deu ältesten Zeiten hausten im oberen Innthale die Räter, d<'im v-on ihnen stammen jedenfalls die verwunderlichen Namen mancher Dörfer und Fluren. Dann hatten jahrhundertelang di(3 Komanen das i'borgewicht am oberen Inn. Sie hinterliessen nebst vielen Flurnamen zahlreicht" Romanismen in der Mundart. Vom 6. Jahrhundert ab drangen die Bajo- varen flussaufwärts bis an das Bergfenster von Finstermünz (fenestra montis), und die Alamannen schickten Zuzug über den Arlberg. Die Deutschen entsumpften die Thal.sohle und gaben den tiefer gelegenen Fluren, sowie einzelnen Dörfern ihre Namen.

Wie überall, wo einst der Romanismus geherrscht, gelit auch liier die Faschingsfreude höher als im Norden und Osten Deutschlands, und sie bleibt nicht auf das Gasthaus beschränkt. Es mischen sich offenbar in den Gebräuchen des Fasching altgermanisclie Frühlingsgebräuche mit alt- italischen Karuevalsfeierlichkeiten. In Rom fanden am 13. Februar die Luperealien unter allerlei Mummenschanz zu Ehren des wolfabwehrenden Lupercus statt. In Bocksfelle gekleidet liefen junge Burschen durch die Stadt und peitschten die Entgegenkommenden mit Riemen aus Bocksliaut. Frauen Hessen sich gerne schlagen, denn sie erlioft'ten daraus Kindersegen und Reinigung^). Es mag dabei nicht viel anders zugegangen sein als beim Schönbartlaufen in Nürnberg, beim Schemenlaufen in Imst oder bei den Faschingsfreuden in Prutz.

In Prutz findet als Faschingsbelustiguug unter dem Namen Bloch- ziehen^) das Yermählungsfest des wilden Mannes und der wilden Frau, der Fangga, statt, was offenbar auf germanischen Ursprung hinweist. Am Walpurgistag vermählt sich ja der Sonnengott mit der Erdgöttin, was eben hier schou im Fasching geschieht. Das Riesenbrautpaar führt übrigens bereits ein Bübchen an der Hand, das offenbar den Frühling vorstellt.*) Das letzte Blochziehen fand am „unsinnigen Pfinzti"*) (Donnerstag vor Aschermittwoch) im Jahre 1887 statt. Das Bewmsstsein, dass es ein Yer- mählungsfest ist, geht allmählich verloren-. Früher wurde überall, wo Halt gemacht wurde, daran erinnert: „Dies ist der Herr von Piackenthal (Waldgegend im Geljirge) und vom steinig' Schrofeu, der sich heute ver- mählt mit seiner tugendhaften Braut."

Der wilde 3Iann, sein Weib und das Kind werden um die Mittagszeit auf dem „Gries"^) (Heide am linmfer) abgefangen. Mann nnd Weib sind

1) Februum, daher Fcbruarius = Reinigungsnionat. Der Bock wird noch heute in manchen Gegenden in Kuhställen gehalten, weil er Fruchtbarkeit und Gesundheit fördert.

2) [Zingerle, Sitten dr^s Tiroler Volkes, 18-1 2. Mannhardt, Wald- und Feldkulte, 1, 23T.J 3") Der Gedanke der (iötterhochzeit ist auch sonst nicht fremd. Im mährisch-schles.

Geliirge wird im Fasching eine Strohbraut im Dorfe herumgetragen.

4) Pfinztag, der fünfte Tag der Woche, die bayerische Benennung des Donnerstags. Der Name stammt vom griechischen .Tsajiro?.

5) Gries bedeutet eigentlich grober Sand.

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1900. 6

82 P^g^i''

riesig gross, gauz mit Waldmoos uüd Baumrinde bekleidet. Sind die wilden Leute eingefangen, so ordnet sich der Zug. Voraus zieht die Musikbande mit einem Yorreiter, hierauf folgt das hohe Brautpaar, ihr Kindlein an der Hand führend. Hinter dem Brautpaare wird von den Burschen ein ungeheurer, der Äste entkleideter Baumstamm (Bloch) auf einem zweirädrigen Wagengestelle gezogen: der dünnere Teil streift die Erde. Vorn am Bloche prangt, gleichsam als Entschuldigung gegenüber der Geistlichen Obrigkeit dienend, die solch heidnischen Brauch nur höchst uno-ern sieht, in grossen Buchstaben der Burschen Wahlspruch:

Lustig gelebt und selig gestorben, Hat dem Teufel sein Spiel verdorben.

Auf dem Bloche sitzt die Blochhexe, in finsterem Schweigen auf die Menschen starrend. Über die ganze Länge des Baumes hin tänzelt der Narr und späht sich Opfer für seine losen Witze aus. Der Narr spricht in Versen, die von einem Dorf dichter eigens zu diesem Zwecke verfertigt werden; sie sind meist mundartlich. Um im allgemeinen seinen Stand- punkt klar zu machen, erklärt der Narr des öfteren:

Die Leute glauben immer, Die Zeiten bleiben immer,

Die Zeiten werden schlimmer: Die Leute werden schlimmer.^)

Die Mädchen schreit er an:

Da geit's olta Madla An olla Öka (Ecken) grad gnvia, Schaut nu, wia viel da stui (stehn) Und passa affan Buii.

Vom Bräuer sagt er:

Das Bier wiard falzt 6 (auch) künstli Aus Erdöpfel braut,

Zum Trieb (Gährung) nimmt ma Masigga^), So macht man as heut.

Müller und Bäcker sind seit jeher verhasst. Daher singt der Narr: Der Müller ist göga früar Da is das W^ggamuster^),

Gar numma beliabt, So gröass müesst er's macha,

Ma milass no froa (froh) sei, Da trifft er da röcbta Gusti,

Wenn ma da Sack z'rugg kriagt. Da weara d' Leut lacha.

Auch der Krämer bekommt seinen Teil:

Fisöla (Bohnen) und Hanfsoma Und statt g'schwörzta^) Kaffee

Weara zsäma g'riahrt d' Leut damit ang'schmiart.

1) Einen ganz ähnlichen Spruch fand ich auf einer alten Schützenscheibe in Grünhurg in Oher-Östen-eich. Diese Allgemeinheit des Gedankens erklärt es auch, dass er in der Schriftsprache abgefasst ist.

2) Masigga ist isländisches Moos. Das Wort stammt von dem lateinischen muscus.

3) Hierbei zeigt er auf den Bloch. Wecken ist eine in Osterreich allgemein bekannte Gebäckform.

4) Geschwärzt heisst soviel als gepascht.

S3

Auch der „uciiiuodisclic" Scliustcv wird versi»ottt>t:

Die Schmistar, dia arbeita Früher bnnita 8tiefol,

latzt alles verdraht, latzt Nuimodischuh,

Es wiard mSestens nu(r) ii'nagelt, Verkrüppeita Zeacha

Bereits gar niTit mui g'naht. Und Hüehneroga dazua.

Beim letzten Uloclizieheii waren 20 Musikanten und S-i mitspielende Personen. 3lan sah Türken, Zigeuner, Dörcher'), llastelbinder, Rasierer, Stiefelwichser, Scherenschleifer u. s. w. Alle diese Leute sind bestreht, zu stehlen oder anderen Unfug zu treiben. Die „Polizei" sucht wohl Ordnung zu schaffen, nndst aber vergebens. Wenn der Rasierer sich an- schickt, eine alte Jungfrau zu rasieren, wenn die Zigeuner ein gestohleiu's Mus (eine Art Brei) herbeibringen, will das Johlen und Schreien der Menge kein Ende nehmen. So geht der Zug durch das Dorf. Vor jedem Wirtshause wird Halt gemacht und ein „Brief" verlesen, worin das Braut- paar vorgestellt wird. Beim letzten Wirtshause wird der Bloch versteigert. Ton dem Erlöse und dem Gelde, das die Stiefelputzer, Rasierer und Scherenschleifer verdienen, wird bis in die späte Nacht gezecht.

Mehr Spass als das Blochziehen bietet der Mooswagen, der manchmal statt desselben „gezogen" wird. In ganz Tirol ist die Sage vom Sterzinger Moos (Moor) bekannt, der zufolge die alten Jungfern nach ihrem Tode auf das Sterzinger 3[oos kommen, um daselbst für immerwährende Zeiten als Gespenster zu weilen. Der Mooswagen soll nun diese alten Jungfern, von deneii nicht mehr zu erwarten ist, dass sie noch einen Mann be- kommen, nacli Sterzing aufs Moos befördern. Der Grundgedanke dieses etwas derben Faschingspieles liegt vielleicht darin, dass in der Zeit, in der es in der ganzen Natur zu spriessen beginnt, dasjenige fortgeschafft werden soll, was dieser natürlichen Aufgabe alles Geschaffenen nicht mehr entspricht. Das Volk erweist sich bis heute nicht milde gegen alte Jung- frauen^), obwohl die Kirclie, auf die -lungfräulichkeit Marions hinweisend, ihr Los als ein schier beneidenswertes hinzustellen bestrebt war.

Bevor der Mooswagen herankommt, stellen sich die Burschen, als alte Jungfrauen verkleidet, vor Häuser, in welchen solche wohnen. In Rede und Geberden ahmen sie die beklagenswerten Jungfrauen nach, bis sich Neugierige ansammeln. Kommt dann der Mooswagen, <len man sich heute bereits als Eisenbahnzug denkt, vom „('onducter" geführt, der fortwährend ruft: „Einsteigen! Abfahrt nach Sterzing!" so fangen sie nach Mädchenart zu weinen an, fallen den Umstehenden, Abschied nehmend, um den Hals

1) Die Dörcher sind eine Art tirolischer Zigeuner, die meist als Geschin-händlcr durch das Land zielien. |L. v. Hörniann, Tiroler Volkstypen, Wien 1877, S. 39—57 über die üörcher; über die verschiedenen Erklärungen des Wortes ebenda S. 39 f., Änm.j

•2) [Zu verweisen ist auf L. Toblor, Kleine Schriften zur Volks- und Sprachkunde, Frauenfeld 1897, S. i;V2— 156: Die alten Jungfern im Glauben und Brauch des deutschen Volkes. I

6*

g4: Piger: Faschiiigsgebräuche in Prutz im Oberinnthal.

und besteigen schluchzend den Wagen. Kommt einmal wirklich eine alte Jungfer in ihrer weiblichen Neugierde dem Wagen nahe, so geht die Hetze erst recht los. Der „Conducter" mahnt dringend zum Einsteigen, die Burschen umdrängen sie und wollen sie auf den Wagen heben, und die Zuschauermenge lacht erbarmungslos über das arme Opfer. Am besten thut sie, wenn sie durch witzige Reden ihre Bereitwilligkeit kund giebt, da lässt das übermütige Völklein bald von ihr ab; wenn sie aber schimpft und schreit, so bleibt sie sicher für Monate der Gegenstand des Spottes und Hohnes, da die Zuschauer durchweg gegen sie Partei nehmen.

Doch es giebt eiu Mittel für die alten Jungfrauen, um im Dorfe bleiben zu dürfen, die Jungfernmühle ^), die im stände ist, sie wieder jung zu machen. Rückwärts auf dem Wagen ist nämlich eine Windmühle augebracht, mit der man das Getreide von der 8preu zu reinigen pflegt, und an deren Vorderseite prangt der vielversprechende Spruch:

Allhie dreht sich die Mühle um, Wo werden die alten Mädle jung.

Will sich nun eine Jungfrau von den Ihrigen gar nicht trennen und von der Fahrt zum Sterzinger Mose verschont bleiben, so kann sie durch die Jungfernmühle wieder jung werden. Die als Mädchen verkleideten Burschen lassen zur allgemeinen Heiterkeit dieses Verjüngungsverfahren an sich vornehmen. Der als alte Jungfer verkleidete Bursche wird zum Scheine rückwärts hineingeschoben und kommt vorn nach einigen Um- drehungen der Windmühlflügel als junges Mädchen wieder zum Vorschein. In Wahrheit aber versteckt er sich unter den bereits auf dem Wagen sitzenden alten Jungfern, die natürlich auch Burschen darstellen, und ein anderer Bursche erhebt sich, mit der Maske eines jungen Mädchens an- gethan, vor der Windmühle, wo das gereinigte Korn herunterzufallen pflegt, aus dem Grunde des Wagens, der teilweise zu diesem Zwecke mit einem Tuche verhüllt ist. Auch diese Lustbarkeit findet ihr Ende im Wirtshause.

Mögen diese Scherze etwas derb erscheinen, so sind sie doch nicht das Ärgste, was ländliche Gemüter vertragen können. Böser fällt die „Labära" aus, die manchmal am Faschingdienstag herumzugehen pflegt. Labärum war einst eine römische Kriegsfahne ans Tuch oder Seide, die an eine Querstange befestigt, von der Spitze einer Lanze herabhing. Zur Zeit Konstantins des Grossen erhielt sie das Monogramm Christi als be- sonderes Zeichen. In Prutz ist die „Labara" zunächst eine Leinwandtafel, auf einer Stange angebracht und mit dem Bildnisse der Unbefleckten bemalt; sie wird dem Leichenzuge eines Unverheirateten vorangetragen. Die Burschen gebrauchen aber die Labara auch für ein Rügegericht, das

1) [J. Bolte hat in dem Aufsatz Die Altweibermüle. Ein Tiroler Volksschau- spiel (Archiv für neuere Sprachen ClI, 241—266) gezeigt, dass die Vorstellung von der Verjüngung der Weiber in besonderen Mühlen in dem zweiten Viertel des 17. Jahrh. beliebt wird!

Härtung: Zur Volkskunde aus Anhalt. S5

ähnlichen Zwecken dient, wie das Haberfeldtreiben in dem benachbarten Bayern.

Hur sich im Yerlanfe des Jahres viel ereignet des mit dem Gerechtig- keitsgefühle der Dorfbewohner Unverträglichen, haben Dorfgenossen in Unfrieden gelebt, hat einer seine Geliebte verlassen, waren Streitigkeiten unter Verwandten oder liat sich aiicli nur etwas besonders Lächerliches im A^erlaufe des Jahres zugetragen, so geht am Fastnachtdienstag die Labara um. Die Burschen nehmen grosse Blätter steifen Papiers, der Dorfkünstler malt darauf die zu riigenden Jahresereignisse und setzt dar- unter mehr oder minder passende Spottverse. Eine solche Tafel wird dann auf einer Stange befestigt und durch die Dorfgasse getragen. Kommt man zum Hause eines der Rüge Verfallenen, so wird Halt gemacht und die betreffenden Spottverse im Tone der Bänkelsänger abgesungen und mit einem Stock erklärend auf das Bild gewiesen. Geht